Mittwoch, 31. Mai 2017

Der Druck erhöht sich - der Markt polarisiert sich


Bin gestern über einen interessanten Artikel in The Economist (einer meiner absoluten Lieblingszeitschriften – zwar etwas konservativ aber sehr gründlich recherchiert und höchst informativ) gestolpert:


Auch das dürfte von Interesse sein (die Kommentare sind sehr aufschlussreich):



Mein Senf dazu:

Ich kenne viele Einzelkämpfer, die inzwischen ganz wenig oder nur noch sehr schlecht bezahlte Arbeit haben. Manche Sprachrichtungen leiden mehr als andere – zum Beispiel Englisch-Deutsch oder Spanisch-Deutsch/Deutsch-Französisch.

Viele Menschen sind aus der Branche gänzlich ausgestiegen. Die großen Büros werden immer größer – und die einzelnen Freiberufler von ihnen immer abhängiger. Der „Mittelstand“ verschwindet.


Does your translator cut the mustard?


Einkauf? Oh Schreck!

Die Einkaufsabteilungen bei großen Firmen verschärfen die Situation. Sie drücken nicht nur den Preis (auf Kosten der Qualität). Sie schreiben auch oft vor: Nur noch zwei Lieferanten für alles! Wir haben dadurch einige Kunden verloren – unsere (ehemaligen) Ansprechpartner sind jetzt höchst unzufrieden, können aber wenig ausrichten.

Sehr bezeichnend aber ironisch: Es gibt einen Vorstand (eines SEHR großen Unternehmens), der diese Politik im eigenen Hause rigoros durchsetzt – aber selbst dermaßen unglücklich mit der Übersetzung eines wichtigen Berichts war, dass wir anschließend den Auftrag unter Umgehung der eigenen Richtlinie doch bekommen haben. Something not quite right there?


The death and demise of language departments

Es gibt immer weniger firmeninterne Sprachendienste – und die Überlebenden funktionieren oft wie große Übersetzungsbüros. Sie sind „profit center“ und nicht „language center“. Das ist schlecht für die Qualität – und für den Nachwuchs, denn damit ist eine wichtige Quelle des Knowhow-Transfers versiegt.


Mensch oder Maschine?

Trotz allem Fortschritt bei machine translation: Solange noch Satz für Satz übersetzt wird, werden die Ergebnisse nie besonders natürlich sein – und auf keinen Fall werbewirksam. Allerdings übersetzen auch viele human translators recht wörtlich und holprig.

Drei wichtige Aspekte des heutigen Marktes werden gar nicht angesprochen:

Erstens: Was ist, wenn der Ausgangstext gar nicht besonders gut oder verständlich ist? Da versagt eine Software komplett. Und die Ausgangstexte sind sehr oft mangelhaft.

Zweitens: Immer mehr Kunden schreiben selbst Englisch – und wollen es „lektoriert“ haben. Und warum tun sie das? Unter anderem, weil sie mit den Standardübersetzungen nicht glücklich sind! Allerdings: Solche Texte zu überarbeiten ist grausam und erfordert noch mehr Wissen und Erfahrung als Übersetzen. Dieses Thema werde ich bei Gelegenheit umfassender durchleuten (denn es ist ein „Megatrend“).

Drittens: Es gibt immer weniger Briten und Amerikaner (von den anderen Kolonien weiß ich zu wenig), die Deutsch studieren. Und leider beherrschen viele Uniabsolventen die Sprache nicht wirklich.

Es gibt daher nicht genug Native Speaker auf dem Markt. Immer mehr Übersetzungen werden also von Nicht-Natives, Nicht-Sprachlern oder Maschinen erstellt. Und trotzdem (gerade deshalb?) gibt es Dumping-Preise - auch für kompetente Muttersprachler. 

Specialisation is the way to go

Mr Green hat Recht, wenn er meint: Spezialisierung bzw. Nischen sind die Antwort. Aber bis ein Anfänger eine Nische besetzen und bedienen kann, ist es oft ein langer und immer steinigerer Weg. 

Wir haben uns auf „Werbung/Marketing-Unterlagen/extrem Anspruchsvolles“ fokussiert (inklusive Werbetexte und Claim-Entwicklung) – aber bis ein Sprachler frisch von der Uni das entsprechend breite „skill-set“ wirklich erlernt hat, vergehen locker zwei bis drei Jahre – und sie wandern dann in andere Metiers ab (oder werden von Branchenfremden abgeworben). 

Daher: Wir können uns über einen Mangel an Arbeit nicht beklagen – aber über einen Mangel an entsprechenden Arbeitern (und Nachwuchs).

I got very lucky

Rückblickend hatte ich persönlich sehr viel Glück – vor allem das richtige Timing. Ich genoss ein tolles Studium (thank you Ealing College, danke Humboldt-Uni) – ohne Studiengebühren und Schulden.

Ich durfte als Angestellter bei zwei sehr unterschiedlichen Firmen (relativ gut bezahlt) viel Erfahrung sammeln. Und ich konnte als Selbstständiger mein Wissen und Geschäft in Etappen ausbauen.

Ich glaube, das wäre heute unmöglich.