Freitag, 24. Juni 2016

Brexit – meine persönliche Perspektive

Bin gestern Abend mit der Nachricht eingeschlafen, „Remain“ liegt 10 Prozentpunkte vorne. Alles gut – sweet dreams! Heute Morgen um 6 Uhr habe ich im Halbschlaf gelesen: „Leave“ hat gewonnen. Shit. Danach habe ich laufend SMS, WhatsApp und Emails bekommen – vor allem von Landsleuten, die das nicht für möglich gehalten haben.

Es ist für mich ein finanzieller, geschäftsmäßiger und persönlicher Tiefschlag. Das ganze Team im Büro ist geschockt, wie gelähmt – die Stimmung wie nach einem plötzlichen Todesfall in der Familie.

Es haben vorwiegend Männer, Arbeiter, ländliche Gegenden und Ältere für den Austritt gestimmt. England sowieso - aber auch Wales (hätte ich nicht gedacht). Ich durfte nicht mitwählen. Wer mehr als 15 Jahre außerhalb von the UK lebt, hat (thanks, Margaret Thatcher) kein Stimmrecht mehr. Bei Parlamentswahlen kann ich das noch nachvollziehen. Aber hier ging es auch um meine Zukunft – und um die von mehr als 1,5 Millionen Briten, die in anderen EU-Ländern wohnen (in Germany sind es etwa 100.000).




Ich habe von der EU sehr profitiert. Und auch wenn ich um die Mängel weiß (ich sollte mal für eine kleine EU-Einheit eine 100-seitige „Broschüre“ schreiben – erm, es reichen auch fünf Seiten?), so weiß ich um die Vorteile.

Haupthema der „Debatte“ (Schlammschlacht) war Einwanderung. Einwanderung ist natürlich für manche „bedrohlich“, vielleicht in Einzelfällen eine echte Belastung – aber es ist auch was Positives, vor allem für ein Land wie das Vereinigte Königreich, das (genau wie Deutschland) an Überalterung leidet.

Ich bin Einwanderer. Meine Mitarbeiter auch. Freedom of movement works two ways. And I like it.

Wenn wir den europäischen Binnenmarkt weiterhin bedienen wollen (60 % unserer Exporte gehen laut BBC dorthin - laut ARD "nur" 45%), so werden wir wohl Personenfreizügigkeit (was für ein Wort!) weiterhin akzeptieren müssen.

Außerdem (in UK ganz vergessen): Die „große Einwanderungswelle“ (erm, etwa 0,5% der Gesamtbevölkerung im Jahr) hat mit der EU-Erweiterung 2004 eingesetzt – die vor allem von der UK forciert wurde, um die Macht der Kernländer (und deren Integrationsbestrebungen) zu verwässern. Und wir haben - im Gegensatz zu den sonstigen EU-Nationen kein Moratorium gegen die Einwanderung aus den neuen Mitgliedersländern verhängt.

Die Einwanderung und die EU wurden jahrelang zum Sündenbock gemacht – für Wohnungsmangel, lahmende Wirtschaft, niedrige Löhne, schlechte Infrastruktur. Was die Zeitungen (und UKIP) manchmal aufgetischt haben, war nicht mehr feierlich: Halbwahrheiten, Lügen, Polemik.




Es werden wohl jetzt noch weniger junge Leute Deutsch studieren (dabei hat sich die Zahl der Uni-Absolventen in den letzten 10 Jahren schon halbiert – thanks, Tony Blair, der Fremdsprachen als Pflichtfach abschaffte).

Stichwort Vereinigtes Königreich: Schottland wird wohl bald aus der United Kingdom aussteigen – um bei der EU wieder einzusteigen. Oh Gott, liebe Schotten, lasst uns nicht allein. Auch wenn ich vieles an meiner Heimat liebe – viele (nicht alle) Engländer (eher Engländer als Briten) können sehr konservativ, engstirnig und kleinkariert sein. Inselaffen halt. Ich will nicht aus Little England sein. Ich will aus the United Kingdom sein.

Unsere beiden Americans hatten gleichzeitig denselben trüben Gedanken: Trump könnte tatsächlich gewinnen. I hope not.

Ich werde die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Aber nur wenn ich meine Britische (Kleinenglische) nicht aufgeben muss. Als EU-Bürger geht das... aber bin ich das noch?

Was passiert jetzt mit anderen Ländern und deren EU-feindlichen Parteien? Was passiert mit der europäischen (und britischen) Wirtschaft?




Ich bin tief traurig und habe ehrlich gesagt etwas Angst.

Wie sagte Asterix so schön? Die spinnen doch die Briten!