Sonntag, 31. August 2008

Wenn deutsche Werbeagenturen sich verlieben

Stellen Sie sich folgende Situation vor. Ein alter Kumpel ruft an. Er ist völlig hin und weg von einer Frau. Er ist von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt. Er hat die "total attraktive und sehr intelligente" Dame den Eltern schon vorgestellt – sie sind ebenfals begeistert. Der Termin beim Standesamt steht schon fest.

Sie fragen unschuldig: "Wie heißt die Angebetete denn?"

Der Hin-und-Weg-Kumpel: "Jackie."

Sie: "Ja, aber Jackie ist doch ein Mann!"

Tja, so geht es uns, wenn deutsche Werbeagenturen selber englische Claims entwicklen. Denn sie tun es meist am grünen Tisch – gänzlich ohne professionelle muttersprachliche Mitwirkung. Und verlieben sich in die eigene Kreation. Dann kommt der (deutschsprachige) Kunde – der das Ganze genau so toll findet und die internationale Umsetzung absegnet. Dann erst werden wir angerufen.

Daher sind wir leider oft in der undankbaren Rolle des ewigen Neinsagers. Denn englische Claims, die von deutschen Werbern entwickelt werden, sind in 99.9% der Fälle nichts - oft völlig daneben, bestenfalls sinnentleertes Baby-Englisch.

Warum?

Jedes noch so einfache Wort hat im Englischen andere Assoziationen als im Deutschen. Und es gibt viele wichtige aber subtile Unterschiede in der Sprache und der Kultur.

Wieviele deutsche Texter wissen, dass competence keine Kompetenz ausdrückt, performance erst mit einem positiven Adjektiv zu "Leistung" wird (viele Grüße an die Deutsche Bank)? Wieviele wissen, dass Dinner for One nur in Deutschland (und Südafrika) bekannt ist? Oder dass, be inspired nicht annährend an "Lass dich inspireren" kommt?

Übrigens: Auch der Begriff Claim ist eher Deutsch als Englisch. Üblich ist slogan, tagline oder strapline. Mit claim wird meistens das gemeint, was man mit dem Slogan zum Ausdruck bringen will (also: behaupten will).

Ich hatte mal mit einer Berliner Werbeagentur zu tun, die mich mit etwa 40 denglischen Claims fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Kein einziger war brauchbar. Aber die Agentur war nicht davon abzubringen. Sie waren fast alle selbstgestrikte Übersetzungen aus dem Deutschen oder zusammengestückelte Wörterbucheinträge.

Meine Rolle? Ich sollte *eigentlich* den englischen Claim selber entwicklen – meine Vorschläge wurden konsequent ignoriert. Statt dessen durfte ich immer wieder dieselbe Frage beanworten: "Wieso geht das nicht?" Das ist oft schwierig zu erklären. Und immer frustrierend – für beide Seiten.

Ich bin irgendwann mal ausgestiegen. Und konnte nur noch an den wunderbaren und kaum übersetzbaren deutschen Begriff denken: beratungsresistent!

Freitag, 29. August 2008

Verarbeitung, gut verarbeitet - wie wird's übersetzt?

Wie heißt Verarbeitung auf Englisch? Wie immer ist der Kontext entscheidend.

Viele Übersetzer schreiben reflexartig processing oder gar finishing. Das ist meist daneben.

Verarbeitendes Gewerbe ist auf jeden Fall manufacturing, oder the manufacturing industry. Und bei vielen Branchen, bei denen deutsche gern verarbeitend hinzufügen, würden wir es nicht tun (auch wenn tatsächlich plastics processing gibt, so sagen wir Angelsachsen doch oft einfach plastics industry oder plastics manufacturing).

Wenn was gut verarbeitet ist, so ist das einfach well made oder ein Beispiel von high-quality manufacturing. Bei Autos, Häusern und technischen Anlagen reden Fachleute gern auch von high build quality.

Hier ein nettes Beispiel von build quality:

http://www.independent.co.uk/life-style/motoring/features/the-ten-best-convertibles-1763071.html?action=Popup&ino=3

Muss man eine unangenehme Nachricht verarbeiten, so ist das allerdings digest (verdauen).

I hope the Leo Loving Linguists have digested this latest posting. Have a nice weekend.

Mittwoch, 27. August 2008

Individuell/Individuallösung auf Englisch

Individuell/Individual- ist ganz selten individual auf Englisch. Denn individual heißt einzeln.

Nehmen wir das Beispiel Software. Eine Individuallösung ist meist a custom solution – also von Grund auf für einen bestimmten Kunden entwickelt. Eine Standardlösung, die angepasst wurde, ist dagegen a customized solution.

Ganz allgemein kann man auch von customer-specific, made-to-measure, tailor-made oder tailored software sprechen. Meine Landsleute schreiben zeitweise bespoke software – was mich aber zu sehr an die häßlichen Anzüge von Prince Charles erinnert.

Außerhalb der IT-Welt ist personalized manchmal die beste Variante – wenn zum Beispiel ein Produkt oder ein Schreiben an eine Einzelperson angepasst wird.

Leider hat sich diese Erkenntnis bei meinem Noch-Kunden T-Systems nicht überall durchgesetzt. Der Konzern hat soeben eine neue Tochter gegründet: Individual Desktop Solutions. Macht ja nix – die Firma hat eben ein sehr individuelles Englisch.

Mit und ohne S - sowie ein Bericht aus Sinsheim


Gratulation! Auf Englisch? Congratulations. Plural. Mit einem S. Stehende Ovationen? Standing ovation. Singular. Ohne S. Wir machen eben alles etwas anders.

Übrigens: war die letzten Tage viel in Museen und Freizeitparks unterwegs – in ohrenbetäubender Begleitung zweier Jungs aus Sheffield sowie deren Eltern.

Besonders gut fanden the boys die Übersetzungen im Technikmuseum Sinsheim. Denn sie waren unfreiwillig komisch. Offensichtlich von einem Nicht-Muttersprachler erstellt, und gespickt mit orthografischen und grammatikalischen Fehlern. Aus "Leistung auf dem Papier" wurde "paper performance", aus "Daimler lieferte nur" wurde "Daimler did not deliver", und aus "Bausatz-Auto" wurde ein "cit cat". Na guten Appetit!


Mittwoch, 20. August 2008

Con and out-of-order word order revisited

The Games Convention findet gerade in Leipzig statt. Laut n-tv heißt die Messe ab nächstem Jahr (in Köln) GamesCon. Interessant, interessant: SpieleNepp in Cologne.

Und heute schickt uns ein (recht angenehmer) Kunde in der Modebranche eine Pressemitteilung mit vielen nicht-ganz-richtig-aber-bitte-genauso-stehen-lassen denglischen Titeln und Aufgabenbezeichnungen. Zum Beispiel Collection Planning Men. Was gemeint ist, ist einem Deutschen wohl klar – die Planung von der Männer-Kollektion. Es wird allerdings von englischen Ohren und Augen anders wahrgenommen: Männer, die die Kollektion planen.

Blog-Urlaub: die nächsten 6 Tage werde ich fleißig Englisch üben, Bacon braten, Wii spielen und Kanu fahren. Erst danach gibt es eine Fortsetzung des Blogs.

Dienstag, 19. August 2008

Incompetence with system

Es gibt griffige Wörter und Wortkombinationen, die oft für Headlines und Slogans eingesetzt werden. Kompetenz in Finanzen, Logistik mit System, Kreativität ohne Grenzen.

Es gibt natürlich core competencies. Aber das habt ihr eh von uns geklaut. Also Vorsicht: während Kompetenz eine aüßerst positive Ausstrahlung hat, ist Competence so la la – es ist die Fähigkeit, irgendwas zu tun, aber viel mehr auch nicht.

Stellen Sie sich zum Bespiel folgenden Dialog vor:

"Is he any good?"
"He's competent."

Das nennt sich damning with faint praise. Sprich: es ist gerade so wenig Lob, dass es wie vernichtende Kritik ankommt.

Viel besser ist expertise, oder skills.

Soziale Kompetenz zu Beispiel ist nicht, liebe BASFler, social competence, sondern soft skills oder interpersonal skills.

Dann gibt es mit System. With system ist völlig bedeutungslos. Ich höre den Kundenberater schon grummeln: wie übersetzt man es denn? Naja, die Idee dahinter könnte man etwa mit "systematic" umschreiben – aber nur umschreiben. Das ist nicht headline-tauglich. Wie sooft heißt die Lösung: komplett neu auf Englisch dichten.

Ohne Grenzen ist ähnlich. Ich habe verschiedene Übersetzungsversuche gesehen: without borders, without frontiers, without limits - und heute bei SAP: without barriers. Leider wird "barriers"vor allem in Verbindung mit Behinderung verwendet – barrier-free housing zum Beispiel (was ihr auch geklaut habt).

Diese Versuche sind nicht auf der Nonsens-Ebene von with system. Aber für die meisten Headlines nicht das Ideale – denn es geht nicht um geografische Grenzen oder physische Barrieren. Sondern um das "Grenzenlose" an sich. Eine Möglichkeit wäre unlimited. Creativity unlimited zum Beispiel. Aber auch hier wäre es besser, auf Englisch von Null anzufangen – und nicht typisch deutsche Strukturen zu übernehmen.

Übrigens Spiel ohne Grenzen gabs auch bei uns. Hieß allerdings: It’s a Knock-Out

Montag, 18. August 2008

MoreCon AG – Nepp von Haus aus?

Man sollte Firmennamen, die angeblich englisch sind, vielleicht mal auf deren Bedeutung überprüfen?

MoreCon zum Beispiel. Con heißt auf Englisch Nepp, Bauerfängerei, Betrug. Es ist keine Abkürzung für Connections. MoreCon ist eine Steigerung davon. Also wird wohl mehr geneppt und betrogen als anderswo. Es gibt auch den schönen Ausdruck con artist – also einer, der cons hauptberuflich macht. Das wäre doch ein schöner Firmenname, oder? ConArtists AG. Ist besser als MehrBetrug Ltd.

Sonntag, 17. August 2008

Flip-Flops and The London Eye

Ich schaue gern n-tv. Vor allem den tollpatschigen aber liebenswürdigen Manfred Bleskin – he has something avuncular about him.

Der Nachrichten-Sender übernimmt gerne Nachrichten von englischsprachigen Sendern. Ich nehme an, die Redakteure übersetzen die Texte selber. Denn die Beiträge sind meist angenehm flüssig, aber gelegentlich falsch oder einfach ohne Hintergrundwissen übertragen.

Beispiel 1: Es kam letzte Woche ein sehr schöner Bericht über meine Lieblingsattraktion in der englischen Hauptstadt: The London Eye.

Das Rad dreht sich ohne Unterbrechnung - aber extrem langsam. Damit können Opis, Omis und Hinnis problem- und gefahrlos ein- und aussteigen. Denn, wie ein Vertreter der Betreiberfirma betonte: "It's not supposed to be a white-knuckle ride." Sprich: die Leute sollen sich nicht vor Angst mit den Händen festkrallen. Daraus wurde bei n-tv leider genau das Gegenteil: "Das ist nichts für Angsthasen."

Na danke. Wieviel deutsche Rentiers habt ihr damit abgeschreckt? Anderseits: vielleicht verkürzen sich dadurch die Wartezeiten.

Beispiel Nr. 2: zur Zeit sind in den USA mit den Köpfen von Obama und McCain dekorierten Flipflops der absolute Renner. Hierzu lief ganz kurz ein Bericht auf n-tv. Wahrscheinlich deswegen so kurz, weil das Hintergrundwissen fehlte. Denn der Grund für diese plötzliche Nachfrage nach der famös flexiblen Footwear wurde nicht mitgeliefert: flip-flop ist ein sehr beliebtes Schimpfwort für Kandidaten, die ihre Meinung in Anbetracht der neuesten realpolitischen Notwendigkeiten ständig hin- und herbiegen.

Übrigens: Haben Sie gewußt, wie Realpolitik auf Englisch heißt? realpolitik. Echt.

Der beste/schlimmste Fehler, den ich bei n-tv erlebt habe, liegt ein paar Jahre zurück: Irgendeinem Hollywood-Starlet wurde von irgendeinem anderen Hollywood-Starlet vorgeworfen, sie sei a tramp. Das ist nicht nett. Das ist eine abgemilderte Ausgabe von "Schlampe". Wie wurde es übersetzt? Mit "Penner". Denn es kann auch ein Obdachlose sein. Und das stand wohl im Langenscheidt oder bei Leo.

Ich hab n-tv eine nette Mail geschrieben. Hätte ich mir sparen sollen. Keine Anwort. Keine Korrektur. Der Bericht war noch Monate lang zu lesen. Ganz schön schlampig. Manfred, you disappoint me.

Free English lessons:
avuncular - wie ein Onkel, freundlich und fürsorgend
knuckle - Fingerknochen
ride - Fahrt

Freitag, 15. August 2008

Wie übersetzt man Impressum? Part 2. Take 2.

Wir wollen heute mal die virtuelle Denglisch-Welt ins Visier nehmen.

Ein Website-Impressum ist in Deutschland gesetzlich vorgeschrieben, klar definiert, und fast immer auf der Startseite klar erkennbar. Woanders ist das anders. Egal. Das Ding muss übersetzt werden.

Die meisten Übersetzer schreiben imprint. Leo-Müll. Siehe Part 1.

Manche schreiben masthead. Hab ich sogar ein paar mal im echten Online-Leben gesehen – aber immer nur auf Websites von Zeitschriften. Das liegt auch nah (see Part 1 again). Jetzt googeln Sie aber masthead. Merken Sie was? Fast alles deutsche Websites. Also nicht falsch, aber auch nicht unbedingt die beste Lösung.

Disclaimer oder legal info vielleicht? Wenn es stimmt, dann gern. Aber ein Impressum umfaßt meist allgemeine Infos, nicht nur juristiche Haftungsausschlüsse.

Ich empfehle wieder fuzzy research. Was finden wir: About this Website. Recht häufig. Weniger oft: Website info oder site information.

Fazit: es gibt hier tatsächlich eine Lösung – eine, die dem deutschen Impressum (mehr oder weniger) entspricht. Und im Englischen verwendet und verstanden wird. Also Lazy Leo Linguists take note: nie wieder imprint schreiben.

Free English lessons
Take 2 = Klappe 2; also im übertragenen Sinne ein 2. Versuch
Fuzzy = unscharf; fuzzy research in Anlehnung an fuzzy logic
Leo fans take note = Leo-Anhänger aufgepasst

Donnerstag, 14. August 2008

Lemons and limes

Kennen Sie den Unterscheid zwischen einer Limette und einer Zitrone? Schon seit dem Kindergarten wahrscheinlich.

Aber Dr Oetker und Becks wissen es nicht. Die nennen ihre Produkte mit Limettengeschmack Green Lemon. Die meinen lime. A lime is small, and green and round. A lemon is bigger, more of an oval, and yellow. Es sei denn, sie ist extrem unreif. Aber eine Limette ist sie dann trotzdem nicht.

Wie übersetzt man Impressum? Part 2. Naja. Vielleicht doch nicht.

Ich habs ja gesagt: ich habe echte Probleme mit dem Thema. Es regt mich einfach auf.

Also zuerst a little diversion: ich habe gestern auf BBC Prime die Krankenhaussendung Holby City geschaut. I love Holby City. Besonders die strict-but-oh-so-sexy ward sister in der schicken blauen Uniform. Seufz.

http://www.bbc.co.uk/drama/holbycity/characters-cast/characters/chrissiewilliams.shtml

But I digress. Zurück zur Sprache. Da sagte eine nurse: "He's been having blackouts."

Naaaaaa? Was heißt das denn? Also der Kohl, der auch für passende Vergleiche immer gut war, meinte in Bezug auf den Kollegen Goebels-Gorbatschow damals: "Ich had' da einfach 'n Bläckaut." (hmm, I’m showing my age). Aber er hat sicherlich was anderes damit sagen wollen.

Denn: er ist (leider) nicht in Ohnmacht gefallen. Ein black out ist auch ein Stromausfall (wenn alle Lichter und Holby City nicht mehr zu sehen sind). Oder im Krieg die absichtliche Verdunkelung (same again).

http://atschool.eduweb.co.uk/nettsch/time/wlife.html

Dort sieht man auch, dass man umgekehrt auch Fehler macht – mit the blitz zum Beispiel

Aber ein Aussetzer ist das nicht. Da würde man bei plötzlicher Leere im Kopp sagen: My mind went blank. Oder bei einer unerwarteten Handlung vielleicht: I don’t know what came over me. Oder gar: It was a moment of madness. Aber nicht: I had a black out.

Impressum? Oh bitte. Nicht heute. Ich will BBC Prime gucken. Außerdem: ich bekomme Besuch von einer AC-Mailand-Anhängerin. Und ich bin FC Liverpool-Fan. Das Leben kann echt grausam sein.

Übrigens: Mailand = Milan auf Englisch. Und FC Liverpool wird am besten übersetzt mit Five Times Champions of Europe.

Free English lessons:
Ward sister – Oberschwester? Ward = Station, sister = Chefin
A little diversion – hier: ein kleiner Abstecher, Ablenkung; sonst Umleitung
But I digress: ich komme vom Thema ab - aber ironisch-förmlich

Mittwoch, 13. August 2008

Menschenhandel!!!!!

Xing wieder: The banker sales company sucht Verstärkung.

Kein Wunder - einem Kreditinstitut (nein, nicht credit institute), das seine Leute verkauft, wird ganz schnell das Personal ausgehen.

Meine Empfehlung: Strong sell.

Wie übersetzt man Impressum? Part 1

Ich habe mich eine ganze Weile vor diesem Begriff gedrückt. Zum einen ist es verdammt knifflig zu erklären. Zum anderen regt mich das Thema auf – denn hier merkt man die Bequemlichkeit vieler Übersetzer (sprich: es steht weit oben bei Leo, also nehme ich das halt – auch wenn ich das selber nie gehört habe). Aber eins nach dem anderen:

Heute widmen uns den Print-Produkten (morgen kommen die Websites dran)

Bei germanischen Publikationen stolpert man regelmäßig über die Überschrift "Impressum". Nun, was steht bei englischen newspapers, magazines and books? GAR NIX.

Es werden zwar Herausgeber, Anzeigenverkaufsleiter und Art-Director aufgeführt. Aber ohne Überschrift. Das ist mir damals in Liverpool und London natürlich gar nicht so aufgefallen – aber später habe ich im Gegensatz zu den Lazy Leo Linguists (sehen Sie – das Thema regt mich auf!!!!) Recherche betrieben.

Aber welcher Kunde akzeptiert den Hinweis: GAR NIX? Keiner. Erst recht nicht der schwäbische Grafiker, dem das Wort Impressum so vertraut ist wie die Schlachtrufe von VfB Stuttgart. Also schreiben viele Übersetzer imprint, oder die besonders faulen (sorry, sorry, aber ich habe Sie gewarnt: das Thema regt mich auf!!!!!) gleich impress. Impress ist beeindrucken. Hoffentlich tut das die Zeitschrift auch. Aber die Überschrift ist n Scheiß (I did warn you).

Imprint ist schwierig, sehr schwierig. Ja, ja, auf Seite 397 unter Absatz 24 der Mega-Groß-Ausgabe von dem Oxford-Wörterbuch steht irgendwas dazu. Aber ich habe noch nie in meinem Leben diese Überschrift gesehen – bis auf übersetzte deutsche Titel.

Man nehme einen normal sterblichen Engländer und zeige ihm diese Überschrift. Was versteht er dadrunter? GAR NIX. imprint ist für ihn ein Abdruck. Wovon ist nur die Frage.

Hat denn imprint GAR NIX mit Publikationen zu tun. Doch, doch. Es steht sogar teilweise auf der Impressumseite drauf. Und imprint page ist absolut koscher. Wir verwenden das Wort aber ganz anders.

Haben Sie einen novel irgendwo rumliegen? Schauen Sie vorne rein – da steht unter Umständen sowas wie: Pantheon is an imprint of Random House (ich habe übrigens genau diesen Satz gestern auf dem Weg zum Squashspielen in Waiblingen im National Public Radio gehört – ein Sender, der den Beweis liefert, dass es doch intelligentes Leben auf dem Planeten USA gibt).

Oder googeln Sie mal (mit Anführungszeichen vorne und hinten) "is an imprint of". You see? Imprint ist sowas wie eine Untermarke von einem Verlag.

Also was tun? Fuzzy research heißt das Zauberwort. Damit meine ich: um das Thema herum recherchieren - nicht nur versuchen, eine schnelle, nicht-hinterfragte Bestätigung für eine bequeme Übersetzung zu finden.

Und wir werden dann fündig. So schreiben manche US-Titel masthead. Aha!!!! Wir haben die Lösung!!! Jaaaaa. Maybe. Es wird aber selten als Überschrift verwendet (Und bitte bloss nicht für Websites, aber das kommt in Part 2).

Außerdem: für viele bedeutet masthead nicht die Auflistung der Magazin-Mitmacher sondern der Schriftzug auf der Titelseite. Es ist möglicherweise wieder so eine Kultur-Kluft zwischen Britain and America. Ich bin mir da nicht sicher.

Es gibt auch andere Möglichkeiten: credits liest man bei manchen coffee-table books zum Beispiel. Ich persönlich finde about this publication oder publication details nicht schlecht als Hilfslösung. Aber es ist nur das: eine Hilfslösung für verständnislose VfB-Stuttgart-Fans mit Hang zur Grafik.

Eins ist jedoch bombensicher: imprint ist keine gültige Überschrift. Leo fans take note.

Free English lessons:
Fuzzy = unscharf; fuzzy research in Anlehnung an fuzzy logic
Novel = Roman
Coffee-table book = Bildband
Leo fans take note = Leo-Anhänger aufgepasst!

Montag, 11. August 2008

Lob und Tadel – an object lesson

Das Wort "Objekt" gibt es in verschiedenen Geschmacksrichtungen: Objektschutz, Objekte an der sonnigen Algarve, Objektstühle, und Objektteppiche.

Sie haben es schon erraten – es heißt nicht object. Ein object ist ein Gegenstand.

Also object carpet gmbH ist Denglisch. Mit "headquarter" in Denkendorf. Also gleich zweimal Tadel. Denn die produzieren keine Gegenstandsteppiche. Und es heißt headquartersssssssssssssssssss. Mit ssssssssssssss. Immer.

http://www.object-carpet.de/html/english/contact/germany/index.php

Es gibt aber auch Lob. Denn Sie haben Objektteppiche woanders richtig übersetzt – contract carpeting. Wieso contract? Weil Sie und ich in den Laden laufen, und den Teppich mehr oder weniger gleich mitnehmen. Wer ein Firmengebäude oder einen Konzertsaal damit auslegen möchte – der muß einen Vertrag unterschreiben.

By extension – es gibt auch contract seating, contract furniture, contract lighting.

Die Villa an der Algarve? Das ist ein property. Und begehrenswert. Übrigens eine Villa im Sinne von einem impostanten Haus ist keine villa. Eher a big house. Oder a mansion. Aber dann eindeutig ironisch gemeint. Denn ein mansion hat um die 100 bedrooms und ist meist ein Adelssitz.

http://www.bearainfo.com/areainfo/dunboy.htm

Free English lessons:
Object lesson = ein Paradebeispiel (wie man was macht)
By extension = in diesem Sinne; siehe auch

I‘m not comfortable with comfortable software

Komfort ist ein dehnbarer, luxusanmutender Begriff. Comfort nicht. A chair is hoffentlich comfortable. Eine Software-Lösung nicht. Es gibt tatsächlich Leute, die das sagen, also falsch ist es nicht - aber I'm not comfortable with it. Ich vermute dahinter auch eine Umkehrosmose über Walldorf.

Für mich ist sie je nach Kontext user-friendly, intuitive, funtionality-rich oder powerful. Aber nicht comfortable. Es sei denn, Sie wollen sich auf die Silberscheibe setzen.

Auch in anderen Zusammenhängen ist Vorsicht geboten - luxury oder convenience ist manchmal die bessere Übersetzung

Freitag, 8. August 2008

Ganz billige Nummer


Diesmal nix mit Denglisch - naja, es sei denn der Begriff Googeln gehört dazu.

Probieren Sie folgendes: Googeln Sie mal meinen Namen:
Martin Crellin.

Da erscheint plötzlich rechts oder oben eine Anzeige (Google AdWords) von der Konkurrenz (wenn deren Budget für heute nicht erschöpft ist). Das heißt: die haben ganz gezielt meinen Namen als Auslöser für die Anzeige gewählt.

Da mein Name – wenn auch ungewöhnlich – keine eingetragene Marke ist, kann ich wohl nicht viel dagegen unternehmen. Und ich könnte es auch als Kompliment auffassen. Aber a bisl komisch fühlt sich das schon an. Big Brother läßt grüßen. Jetzt habe ich selber eine Anzeige geschaltet. Und habe festgestellt, dass Google mein Name nur 3 Cent wert ist! Sag mal!

Mittwoch, 6. August 2008

Best of? Bog off!

Zur Zeit grassiert eine Pest in Deutschland. Die Best-Of-Pest. Klar gibt es best of – aber es muss unbedingt THE davor stehen (bis auf he has just released a best-of album, aber das ist was anderes – das Album heißt trotzdem THE best of Jeff Buckley). Und es muss auch in sinniger Verbindung mit irgendwas stehen.

Aber in Deutschland hat best of ein Eigenleben entwickelt, und wird einfach willy nilly eingesetzt: "Weisst du, das ist so n‘ Art best of, gell?"

Das beste (schlimmste) Beispiel bis dato: hier in meiner Wahlheimat gibt es eine Kampagne mit dem Namen Ludwigsburg Best Of. So, so, jetzt wirds auch noch spontan nach hinten gesetzt. Das ist halt doppelt denglisch. Doppelt doof.

Umdrehen oder verdrehen: FC Liverpool = Liverpool FC

Mit wenigen Ausnahmen mögen wir Inselaffen unsere Wortkombinationen wie folgt: das Hauptwort ganz hinten, oder vorne, aber dann bitte glasklar mit Präpositionen ausgeschildert.

Es heißt also Liverpool FC und nicht FC Liverpool. Und Director of Advertising Sales, nicht Director Advertising Sales.

Bei manchen Job-Titeln kann man es gerade noch machen – Director of Sales, Europe – aber ein Komma ist zumindest implizit.

Die deutschen mögen es gern umgekehrt und frei von lästigen Präpositionen. Das treibt teilweise seltsame Blüten.

Es wird zum Beispiel in Berlin ein consultant public gesucht. Also Zuschauer für Berater müssen her (leider verkürzt die Firma Public Sector sehr gern auf Public, und nennt sie auch gern eine industry).

Oder man betreibt die Integration von Service-Line-Systemen – mit Service Line Systems Integration.

Oder es existiert ein Progam Partner Hosting – das heisst wohl, dass die programmierenden Partner irgendwo empfangen und verköstigt werden – oder in einem Rechenzentrum dumm rumstehen.

Und Key Account Manager Distribution beinhaltet die Zwangsverteilung von Großkundenbetreuern.

Versucht man das dem Kunden beizubringen, so kommt fast immer postwendend der Einwand: "Das heißt bei uns aber so." I give up.

Auch die ganzen kurzen, knackigen Überschriften nach dem Motto "Faszination Technik" und "Mythos Mercedes" sind nix auf Englisch. Sorry. Und bitte bloß nicht Mythos mit myth übersetzen – das ist was Negatives, sprich eine Illusion, eine Schimäre (zum Beispiel, it’s a myth that you can express things more succinctly in English than in German – erklären Sie mal Servicewüste Deutschland oder beratungsresistent auf Angelsächsisch).

Überhaupt liebe ich das Wort beratungsresistent – gerade in Bezug auf Denglisch und vor allem Werbeagenturen. Ja, ja, you know who I mean!

Ach, ja, und einen Gin-Tonic bitte schön brav mit den Worten gin AND tonic bestellen.

Montag, 4. August 2008

I work in the logistic. Ein Plädoyer für road rage

Road rage – also Wutausbrüche im Straßenverkehr – gibt es sicherlich sehr lange. Ich kann mir Reiter zu römischen Zeiten (deswegen haben wir noch Linksverkehr, ihr habt euch von dem französischen Zwerg beinflussen lassen) vorstellen, die einander "Mein Pferd hatte Vorfahrt, du Ar****!" an den Kopp geschmissen haben.

Was mich aufregt? Lichthupe? Notorische Mittelspurfahrer? Holländer in den Alpen unterwegs mit Wohnwagen? Sonntagsfahrer mit Hut und gehäkelter Klopapierhaube? Ja, auch. Aber vor allem Transportunternehmen, die noch nicht kapiert haben, dass Logistik logistics und nicht logistic heißt.

Zu allem Überfluß gibt es eine Messe in München mit dem doppeltgemoppelten denglischen Titel transport logistic:

http://www.transportlogistic.de/

Und überhaupt: die deutschen verwenden das Wort Logistik für ziemlich alles. Was zum Beispiel ist eigentlich Medienlogistik? Genug. Lass mich bitte ganz schnell rechts überholen…

Übrigens: dasselbe gilt für aerobics, politics, cosmetics, physics, statistics, acoustics und so weiter.

Sonntag, 3. August 2008

Get globality!

Hübsche Headline. Vielleicht kann mir jemand erklären, was der deutsche Texter damit sagen wollte? Und warum der Übersetzer sie einfach übernommen hat?

Nachtrag: ich habe so eben die ganze englische Broschüre ausgedruckt. Und da fiel mir eine (recht große) Fußnote auf der ersten Inneseite auf. Da steht fett und unübersehbar: Alternative: More flexible than ever. More standardized than ever.

Erm, das war wohl ein Alternativvorschlag des Übersetzers? Macht nix - gleich ins Layout rein, mitdrucken. Durch den Übersetzer gegenlesen lassen? Nö, das machen wir selber.

Die englische Version hat sowieso eher Unterhaltungs- als Nutzwert. Die Fußnote trägt nur dazu bei.

Samstag, 2. August 2008

Ein Akku zweiter Klasse

Heute morgen brachte mein Laptop folgende Microsoft-bekannte Meldung:

Niedriger Batteriestatus.

Die arme Batterie. Was hat sie denn so schlimmes getan, dass sie einen so niedrigen Status bekommen hat? Beim Abi durchgerasselt? Jetzt bei Hartz IV gelandet?

Kommt wohl von low battery status.

Low bezieht sich allerdings auf Battery und nicht Status. Wie wäre es mit "Achtung: Akku bald leer"? Bill, are you listening?

Genug für heute: ich brauche dringend ein McMenü (was natürlich kein menu ist, sondern ein extra value meal).

Freitag, 1. August 2008

IT workplaces from the same mold

Deutschlands Hersteller Nr. 1 von IT-Denglisch bringt mich heute schon wieder zum Lachen.

Es geht um Next-Generation Workplace. Das kann man durchaus sagen. Wenn es um den workplace insgesamt geht – also um den abstrakten Ort, wo man arbeitet, den Betrieb. Aber nicht, wenn es um die konkrete Technik geht – sie wird höchstens dort eingesetzt.

Ich gebe zu: Der Unterschied ist schwer zu verstehen.

Zum Beispiel: wenn ich vor meinem Bürogebäude stehe, dann kann ich sagen: This is my workplace. Und wenn es um Mobbing (was natürlich nicht so heißt, sondern bullying oder harassment) geht, dann ist das auch in the workplace. Aber wenn ich auf meinen konkreten, physischen Arbeitsplatz (= den Schreibtisch mit PC) zeige, dann nicht - höchstens aus einer gewissen Entfernung!

Der Platz an sich ist my desk oder vielleicht my cubicle, der Arbeitsplatzrecher ist halt meist my desktop system oder notebook. Die gesamte Technik ist aus IT-Sicht the desktop environment. Der Arbeitsplatz in einem Call Center dagegen ist eher eine workstation.

Diesen Unterschied versteht der deutsche Texter von dem hübschen White Paper, über das ich heute gestolpert bin, offensichtlich nicht (oder wurde schon auf Denglisch gebrieft).

Wenn man aber den ohnehin irreführenden und teilweise sehr schwer verständlichen deutschen Text durch eine noch schlechtere Übersetzungsmühle schickt, dann kommt folgender Müll heraus. Bitte insbesondere auf den Schlusssatz achten!

Independence works better when you’re connected. Combined on an entirely as-needed basis.

Next Generation Workplace forges a unity out of a variety of IT workplaces. That’s because it handles services and devices separately and links them through standardized service modules. The result: the widest variety of access, service and device combinations. And always from the same mold.

Independence works better? Combined? Was wird combined? Und so weiter. Allerdings liegt auch viel an dem Ausgangstext. Den erspare ich Ihnen an dieser Stelle.

Wer sich für die richtige Verwendung von next-generation workplace interessiert, mag vielleicht hier schauen:
http://download.microsoft.com/download/8/3/1/83130e47-e8c5-48e9-ba54-f29e8fe34a67/Avanade_Accenture_UCLaunch2007_Final.doc

Have a nice weekend. I'm out of here.