Freitag, 26. September 2008

Ach, ein Schmerzmittel für Kriminelle?

Bayer hat ein neues Produkt. Aspirin Effect. Dazu braucht man kein Wasser und daher – laut eigener Website – the perfect delivery form for when you are on the run. Also wenn man auf der Flucht ist. Kann ich mir gut vorstellen: über den Stacheldraht, dann durchs Gestrüpp, vielleicht ein Gummiknüppel auf die Birne – da bekommt man schnell Kopf- und Gliederschmerzen.

Gemeint war wohl: on the move, on the road, mobile professionals, on the go (wobei Letzteres eher die Geschäftigkeit/Aktivität als die Mobilität ausdrückt). Aber definitiv nicht on the run!

Insgesamt klingt der Text recht komisch – womöglich sogar von einem Außengeländer übersetzt. Hätte ich von Bayer echt nicht erwartet.

http://www.aspirin.com/aspirin_effect_en.html

Donnerstag, 25. September 2008

Garbage in, garbage out

Ja, das führende IT-Denglisch-Inkompetenzzentrum ist wieder sehr aktiv gewesen (und das ist mein Kunde!!! Seit fast 20 Jahren! Solange kämpfe ich gegen sprachliche Windmühlen!! Seufz).

Es gibt wieder mal eine Broschüre aus Berlin. Auch hier muss ich leider feststellen: der deutsche Text ist suboptimal. Übergibt man das suboptimale Orginal an einen suboptimalen translator, kommt astreiner Schrott dabei raus. Oder wie die Amis zu sagen pflegen: garbage in, garbage out (GIGO).

Ich entschuldige mich jetzt schon bei den Leuten, die nicht unbedingt "IT savvy" sind. Das wird für euch jetzt langweilig.

Garbage in:
Fliegender Wechsel. Ambition: Vom Konzept bis zum Regelbetrieb der Application Management Services

Garbage out:
Swift change. Ambition: From conception to standard operation of AMS


Garbage in - Erklärung

Erstens: Application Management Services ist nicht unbedingt der beste Begriff – es geht um Pflege, Wartung und Weiterentwicklung, nicht um Betrieb/Hosting.

Zweitens: Fliegender Wechsel? Nach etwas Recherche bin ich dahinter gekommen – der Übergang zum AMS-Outsourcing-Modell mittels Ambition kann recht schnell und reibungslos über die Bühne gehen. Kommt nicht klar rüber.

Drittens: Es geht nicht wirklich um den Regelbetrieb der AMS – sondern um die Pflege der Kundenanwendungen mittels AMS im Regelbetrieb. Ambition ist eine Methodik für das Aufsetzen der AMS. Das kommt auch nicht klar rüber – der Begriff "Regelbetrieb" wird hier zweckentfremdet.

Viertens: es sind hier verschiedene Gedanken ohne Methodik zusammengeworfen worden.

Garbage out – Erklärung

Erstens: das hat der Übersetzer nicht kapiert.

Zweiten: ditto: es geht hier um den Übergang, nicht um schnelle Veränderung per se

Drittens: der Denkfehler hat der Übersetzer einfach übernommen. Conception ist meist Empfängnis. OK, mit "of AMS" nicht ganz so eindeutig, aber auch nicht gut. Es geht hier um planning mittels a proven methodology. (vor allem um gut aufgesetzte, gut durchdachte Prozesse – also wäre process design auch eine Möglichkeit). Und es ist nicht standard operation – im Gegensatz zu non-standard operation, was auch immer das ist. Es geht hier um die AMS-Aktivitäten während ongoing operation(s) oder the production phase - oder nach go-live.

Viertens: garbage in, garbage out.

Macht ja nix.

Übrigens: ich schreibe nicht nur Schmähblogs über meine Kunden (aus purer Verzweifelung). Ich versuche auch, sie vom denglischen Holzweg auf die Anglo-Saxon Superhighway zu führen.

Also habe ich bei Entdeckung des Go-Globality-Sprachmülls (siehe früheren Eintrag) den Leiter Marketing des Inkompetenzzentrums persönlich angeschreiben, und meine lingusitische Kritik und chirurgische First Aid angeboten. Keine Anwort. Der Text inklusive Fußnote des Übersetzers ist noch online zu haben:

http://download.sczm.t-systems.de/ContentPool/en/StaticPage/38/86/46/388646_Next-Generation-Workplace-ps.pdf?client=t-systems.de

You can lead a horse to water, but you can’t make it drink.
Free English lessons:

Garbage in, garbage out – eine moderne Redewendung, in etwa: Müll als Input, Müll als Output

You can lead a horse to water, but you can’t make it drink – eine recht alte und schöne Redewendung. Man man kann das Pferd zum Wasser führen, aber saufen muss es schon alleine – sprich: Hilfe kann man anbieten, aber wenn sie nicht genommen wird – kannscht nix mache

IT savvy – kennt sich im Bereich IT aus, IT-affin

In deutschen Werbeagenturen wird scharf geschossen

A shooting, meine lieben Werber, ist eine Schießerei. Wenn Heidi Klum mit einem Hamburger zwischen den perfekten toothy-pegs abgelichtet wird – so ist das ein (photo)shoot (ohne ing).

Ähnlich aber komplexer ist es bei Briefing. Briefing ist der Prozess des Gebrieft-werdens. A brief ist die Beschreibung des Auftrags bzw. der Auftrag an sich (wobei man natürlich auch briefing documents haben kann).

Man kann zum Beispiel sagen: That was not our brief.

Sprich: das war nicht der (uns vom Kunden beschriebene) Auftrag.

Siehe auch:

http://www.ford-peacock.com/selecting-an-agency/thebrief.html

Ähnlich ist auch Reporting. Das ist die Berichterstattung - nicht der Bericht (Achtung Emma: DER Bericht nicht DAS Bericht!!!).

Also: schickt bitte in Zukunft an den Oberchef einen Report und kein Reporting.

Free English lessons:
toothy-pegs = Beißerchen

Freitag, 19. September 2008

Mr Weitzen in New York – und das Wort seriös

Meistens texten wir Anzeigen oder übersetzen Presseinfos. Es gibt aber auch Aufträge der ungewöhlichen Art. Heute zum Beispiel durfte ich ein Internet Scam mitaufdecken.

Ein Bekannter von mir hat ein extrem lukratives Angebot für seine inzwischen nicht mehr so attraktiven Anteile an einer US-Firma erhalten. Das Angebot, der Vertrag, die dazu gehörige Website – alles sah recht seriös aus. Die Firma existiert ja tatsächlich. Den angebenenen contact gab es auch in Echt. Aber irgendwie... it was too good to be true.

Die Telefonnummer war nicht identisch mit der, die ich selber im Internet gefunden hatte. Und warum kam das Fax aus Japan?

Ich habe also die Firma einfach mal angerufen (unter der Nummer, die bei dem SEC zu finden ist) und mit einem Herrn Weitzen von the legal department telefoniert.

"Erm, we don’t have a Website."

und als er dann die Adresse eingab

www.icahnassoc.com

"That's not us."

Free English lessons:

Scam – Nepp, Betrug (ein Trick, mit dem man einem anderen Geld aus der Tasche zieht)

Wie übersetzt man seriös? Fast nie mit serious – denn das ist ernst. Respectable, business-like, professional – und in diesem Fall vielleicht kosher – ein Wort, das dem netten und seriösen Herrn Weitzen sicherlich bekannt sein durfte!

Übrigens: Ansprechpartner am besten schlicht und einfach mit contact übersetzen – lieber nicht contact person (gibts, aber nicht so häufig), und erst recht nicht contact partner.

im Internet = on the Internet (nicht in!!)

Donnerstag, 18. September 2008

Warum gibt es so viele schlechte Übersetzungen/Übersetzer?

Da gibt es jede Menge Gründe. Hier nur unsere Top Ten.

1. Es wird meist pro Zeile bezahlt – also je schneller und schludriger ich bin, desto mehr verdiene ich. Fragen, Recherche, Umformulieren? Koschtet Zeit und Geld.

2. Kaum jemand wird richtig ausgebildet – Germanistik/Anglistik? Ja. Die hohe Kunst des Übersetzens? Nein. Mittelhochdeutsch und feingeistige Literatur? Ja. Verständnis (und das entsprechende Vokabular) für technische und betriebswirtschaftliche Themen? Nein. Auch das Schreiben wird nicht gezielt unterrichtet. Inzwischen sind auch viele Sprachendienste in Unternehmen dichtgemacht worden – das spart jede Menge Geld, hat aber einen wichtigen „Ausbildungsweg“ zunichte gemacht.

3. Die großen Büros arbeiten vorwiegend nach dem Prinzip: Masse schlägt Klasse – und verteilen ihre Aufträge an billiger-ist-besser, anonyme Freiberufler in der ganzen Welt. Für den Übersetzer gibt es wenig Austausch mit dem Kunden, und wenig Grund, auf Qualität zu achten.

4. Es gibt fast nie eine richtige Kontrolle, geschweige denn eine Überarbeitung, oder Feedback für den Übersetzer – das würde die Kosten enorm erhöhen, und verlangsamt den Prozess

5. Zahlreiche Übersetzer haben den Beruf als Notlösung ergriffen – oder aus Liebe zur Anonymität. Sie sind oft schlecht motiviert, und nicht gerade kommunikativ (und das in einem Beruf, bei dem Kommunikation im Mittelpunkt steht)

6. Überraschend viele Übersetzter haben wenig Sprachgefühl (siehe 2 und 4)

7. Erschreckend viele Übersetzter haben wenig bis keine Ahnung von den Themen, die sie übersetzen (und packen ziemlich alles an: heute Medizin, morgen Maschinenbau, übermorgen Middleware)

8. Übersetzen ist verdammt schwierig – und oft sind die Ausgangstexte unlogisch, unstrukturiert oder einfach falsch. Aus einer schlechten, komplizierten Vorlage ein gutes Endprodukt zu machen ist möglich – aber extrem aufwendig. Der Kunde sieht meist nur den Preis, und entscheidet sich dagegen.

9. Das Endprodukt kann leider oft vom Kunden nicht beurteilt werden – ich bin kein KfZ-Mechaniker, aber ich sehe und merke den Unterschied zwischen einem Porsche und einem Trabi.

10. Der Kunde ist meist nicht der Konsument. Wenn dem Konsumenten der Sprachbrei nicht schmeckt – bekommt es der Kunde in den meisten Fällen gar nicht mit.

Montag, 15. September 2008

Von Menschen und Maultaschen

Umsatzsteuererklärung, mini-break am Lago di Ledro und dann auch noch Scharen von aus dem Urlaub wiederkehrende Kunden - wie lästig. Man merkt es: ich komme nicht zum Bloggen.

Also wieder mal auf die Schnelle.

Letzte Woche durfte ich die angeblich schon englischen Titel von Abteilungen und Managern eines dynamischen schwäbischen Mittelständlers überprüfen. Wie gewohnt und hier schon oft bemoaned, war alles schön verdreht – finance and control human ist zum Beispiel besonders nett. Erinnert an die Schilder auf der Autobahn: Vorsicht: hier arbeiten Menschen! Oder in diesem Fall nur der eine. Der Control Human. Man stellt sich den typischen Dialog auf dem Flur der Starship Enterprise vor:

Have you seen the Control Human ?
Yep, he's gone to lunch.


Womit wir beim Leckerbissen des Auftrags wären: denn bei der stark exportorientierten Firma wird im casino gegessen. Nur ist das leider im Englischen Roulette und Co. und nicht Maultaschen und Co. Wie die Marketing-Managerin auch meinte: „Dann werden wir wohl das Schild über der Tür austauschen müssen.“ Ich würde es zumindest vor dem nächsten Besuch aus Utah empfehlen.

Übrigens: der Trend zum Hintenanstellen von Adjektiven wird auch zu recht im wunderbaren Buch Der Dativ ist dem Genetiv sein Tod angeprangert.


Free English lessons:
mini break - Kurzurlaub
bemoan - beklagen

Donnerstag, 4. September 2008

Wertschöpfungskette – wie übersetzt man das?

Ja, ja, die Ferien gehen zu Ende, die Anfragen häufen sich, und ich habe kaum noch Zeit fürs Bloggen.

Also ein Quickie (ja, auch ich komme ohne Denglisch nicht aus) heute.

Wertschöpfung – value creation, value added, added value

Wertschöpungskette – value chain. Nicht value-added chain. Und nur ganz selten value creation chain.
Überhaupt verkürzen wir den Gedanken Wertschöpfung oft auf value. Und besser als "to create value added" ist ganz einfach "to add value".
Denn es heisst ja beim Werbetextern und writers überhaupt: Keep it short and simple (KISS).

Dienstag, 2. September 2008

Deutsche Bank: Kill your babies!

Es gibt einen klugen Spruch unter den copywriters: Kill your babies!

Mit dieser brutalen Aufforderung ist gemeint: manchmal machts Päng im Kopf und es erscheint plötzlich eine wunderbare Alliteration, ein unheimlich witziges Wortspiel oder eine humorvoll verdrehte Redewendung. Nur: es erfüllt nicht den Zweck. Sprich: der Text soll ein Produkt verkaufen, eine klare Botschaft vermitteln. Tut er aber nicht.

Siehe in diesem Zusammenhang das veraltete aber unheimlich unterhaltsame Buch vom inzwischen verstorbenen Altmeister Ogilvy (Ogilvy on Advertising, ISBN 1853751960).

Also, wenn es nicht funktioniert, funktioniert es eben nicht – weg damit, und neu anfangen.

Dasselbe gilt für den angeblich englischen Claim von der Deutschen Bank.

Ich habe gestern performance erwähnt. Und wie der Zufall es will, kam am selben Tag unser Praktikant mit einer Ausgabe von The Economist zu mir, zeigte auf eine Anzeige vom Branchenprimus und fragte einfach: What are they trying to say?

Denn: a passion for performance ist auf den ersten Blick eine unheimlich gute Widergabe von Leistung aus Leidschaft. Aber nur auf den ersten Blick.

Performance kann vieles heißen. Ausführung. Auftritt. Auch Leistung – aber das Wort ist nicht von vornherein positiv belegt. Es ist neutral. Erst in Kombination (high performance, outperformance, poor performance) wirds klar, wohin, die Reise geht.

Bei dem besagten Claim riecht das Wort performance eher nach Auftritt auf der Theaterbühne als nach Leistung auf dem Parkett. Die ganze Konstruktion hat was eigenartiges an sich. Auch passion wirkt wie ein Fremdkörper – es ist ZU leidenschaftlich, und erinnert eher an Rumpy Pumpy als an Ackermann.

Neine, es ist nicht völlig falsch. Aber auch nicht ganz richtig. Es ist Denglisch. Kill your Denglisch!!!

Free English lessons:
Rumpy pumpy / rumpy bumpy - humorvolle, niedliche Bezeichung für den Austausch von Körperflüßigkeiten