Dienstag, 25. November 2008

Konstruktive Kritik in der Formel 1

Alles, was mit k anfängt, ist kritisch zu betrachten.

Konstruktion beispielsweise.

Construction ist das Bauen. Die Bauindustrie heißt bei uns ganz offiziel the construction industry. The building industry geht natürlich auch, hat jedoch einen ganz leichten Hauch des Umgangsprachlichen.

Aber: wie fast immer bei den faux amis gibt es eine gewisse Schnittmenge:

The house is well constructed
hat durchaus eine etwas andere Schwingung als
The house is well built

Beim ersten Satz ist schon eine Prise vom deutschen Begriff Konstruktion dabei.

Und nicht unerwähnt darf the constructors' championship bei der Formel 1 (Achtung: formula 1 mit aaaaaaa). Was auf Germanisch wohl Konstrukteursmeisterschaft genannt wird. Ist wahrscheinlich eine falsche Übersetzung, die den falschen Übersetzer überlebt hat. Geht aber. Denn: Die gelungene construction eines Boliden ist die gelungene Umsetzung einer gelungenen Konstruktion. If you see what I mean.

Ja, und wie übersetzt man nun Konstruktion? Meist design, manchmal engineering und gelegentlich beides zusammen: design engineering. Bei dem Wort design denken Schwaben, Fischköpfe und Ossis natürlich sofort an schwarz gekleidete Besserwisser, Alessi-Wasserkocher und Audi TT. Aber design im Englischen ist breiter gefasst. Es heißt eben Konstruktion, Gestaltung und ja, (Produkt-)Design. Je nach Kontext.

Konstruktive Kritik? Kein falscher Freund (false cognate). Constructive criticism.

Mittwoch, 19. November 2008

Mein obszöner Fehler

Wie schon erwähnt - wir übersetzen die Kundenzeitschrift von T-Systems. Es geht auch ganz schön hektisch zu. Gestern abend nach einem langen Tag schrieb ich bei einer Bildunterschrift (caption) pubic safety statt public safety. Spellchecker bringt da natürlich auch nicht viel. Im Satz ist es dann - Gott sei dank - unserem eagle-eyed Praktikanten aufgefallen.

Oh Gott wäre das peinlich gewesen!!!! Denn: Pubic bezieht sich auf den Bereich oberhalb der Genitalien. Pubic hair = Schamhaare.

Was passiert in so einem Fall, wenn es in den Druck geht?

Meist gar nix. Aber grundsätzlich müsste der Übersetzer für einen eventuellen Schaden (zB Neudruck) aufkommen.

Und dann stellt sich die Frage - ist er denn versichert? Wir haben eine (recht teure) Berufshaftpflichtversicherung. Aber ich würde jede Wette eingehen, mindestens 90% der Übersetzer haben sie nicht.

Samstag, 15. November 2008

Offshore, nearshore und andere Trauungen

Olli fragt mich – was ist richtig:
off shore, off-shore oder offshore?
on site, on-site oder onsite?

Da muss ich wieder mal etwas ausholen.

Die Entdeckung der Langsamkeit
Teutonen setzen Wörter gern zusammen, vor allem Substantive (compound nouns heißen die Dinge). Wir viel weniger. ABER: wenn zwei Wörter zueinander gefunden haben, eine Weile harmonisch zusammengelebt haben und sich nicht allzu oft verkracht haben – dann heiraten sie eben. Nur: die Trauung ist selten offiziell. Oft schleichend. Und die Verwandten streiten sich lange, ob sie überhaupt stattgefunden hat. Man kann wie bei einem Scrabble-Streit in einem dictionary nachschlagen – aber die Verlage sind sich auch nicht immer einig.

Shakespeare und Obama
Ja, was denn? Es gibt meist keine festen Regeln sondern nur Tendenzen und kulturspezifischen, firmenspezifischen Konventionen. Die Obamas heiraten etwas schneller als die Browns. Und oft ist es einfach eine Frage der Zeit. Shakespeare schrieb immer to-day. Today machen wir das nicht mehr.

Germany’s next topmodel (aaaaaaaaah)
Auf jeden Fall verteilen die Deutschen im vermeintlichen Englishen viel zu viele Bindestriche und Heiratsurkunden. Germany’s next topmodel ist zum Beispiel für alle Angelsachsen ein Graus. Top und Model leben getrennt (sorry, die paar Google-Ausnahmeerscheinungen lass ich nicht gelten). Super und star jedoch cohabit most of the time. Confused? Kein Wunder.

Zurück zu offshore
Irgendwann mal waren off und shore ganz klar Wörter ohne Klebebindung. Sie sind nun zusammengeschweißt. Sowohl Merriam-Webster’s (USA) als auch Collins (GB) sind sich einig: offshore. Auch die Google-Ergebnisse sind da ziemlich eindeutig (allerdings ist die Recherche erschwert – Google scheint nicht zwischen „off shore“ und „off-shore“ zu unterscheiden).

Jetzt on-site
Hier wird’s knifflig. Ja, die waren auch mal Single. Aber jetzt nicht mehr. Merriam-Webster’s sagt die Beziehung ist noch relativ locker: on-site. Collins und Oxford (meine Ausgaben) schweigen zum Thema. Es gibt zwar viele Fälle von onsite, aber das Internet scheint relativ klar für den Bindestrich zu sprechen.

The answer for Olli
Also Olli: offshore ist ziemlich eindeutig. On-site ist der klare Gewinner, aber onsite hat auch viele seriöse Anhänger. Zu nearshore sagt Collins nix, Merriam sagt zusammen, ich sage auch: nearshore.


Und Website? Und Email?
Ähnlich sieht's mit Web site, Web-site und Website aus. Die Tendez geht Richtung heiraten. Bei e-mail und email widerstrebt sich das e noch ziemlich heftig gegen die endgültige Langzeit-Commitment. Aber ich bin gespannt, wie lange es dem Druck standhält. Aber bitte nicht e-Mail mit großem M. That's German.

Wertigkeit neu entdecken
Übrigens: es heißt offiziell high quality aber high-quality product. Warum? Weil damit klar wird, dass high und quality zusammen das dritte Wort product beschreiben.

Die Polizei muss her!
Aber Olli – du hast im Prinzip ein ganz anderes Problem entdeckt: die Uneinheitlichkeit in der Verwendung innerhalb eines Unternehmens. Im Prinzip müsste jedes Unternehmen, das sich international schimpft, eine interne „Normierungs- und Beratungsstelle“ für Englisch einrichten (oder Polizei, wenn man will). Bei BASF und Daimler zum Beispiel ist das der Fall. Eine solche Stelle – wenn sie kompetent ist - entwicklet Richtlinien und interne Wörterbücher, und kann fachmännische Antworten auf sprachliche Fragen geben.

Es ist extrem wichtig für die Qualitätskontrolle.

Bei anderen Firmen kauft jeder beim Übersetzer-Discounter ein, der ihm in den Gelben Seiten entgegenspringt. Solche Büros halten es meist nicht besonders genau mit der Einheitlichkeit.

Echte Best Practice
Wir haben übrigens gerade den Auftrag für die Zeitschift Best Practice von T-Systems erhalten. Und was haben wir als erstes getan? Ja, Konventionen definiert. Das ist Best Practice.

Free English lessons:
Cohabit – Beamtenenglisch für zusammenleben

Mittwoch, 12. November 2008

Peking Duck

Peking heißt bei uns schon sehr lange Beijing. Peking sagt kein Schwein mehr. Höchstens auf der Speisekarte als Peking Duck zu bestellen.

Hannover? Bei uns Hanover. Mit einem N.
München kennt wohl jeder. Munich.
Braunschweig? Brunswick. Sorry, ich finde es auch häßlich.
Nürnberg. Nuremberg. Ja, ja, mit einem M.
Lissabon. Lisbon. Ist uns schön öfter von gutgemeinten Grafikern „korrigiert“ worden.
Tokio? Tokyo.
Brasilien? Brazil. (danke für den Hinweis, Axel!!!)

Ach, und bitte: Bei Namen und Straßen – ss nicht ß schreiben. Den Buchstaben ß haben wir nicht, kennen wir nicht. Ü, Ö und Konsorten sind erkennbar und nachvollziehbar. Aber ß nicht.

Und liebe Übersetzer: denkt dran: Namen aus dem Russischen werden anders transliteriert.

Sprich: Der Autor Ilija Trojanow ist bei uns als Iliya Troyanov bekannt. Vot i tak.

headquarters mit s

Ich habe heute eine ganz einfache Bitte: headquarters mit s am Ende schreiben. Oder einfach Zentrale. Aber bitte nicht headquarter. Das ist Denglisch.

Nachtrag: es gibt eine Steigerung - hauptquarter...(unter "Zuschauer schränken sich ein")

http://www.sport1.de/de/ussport/ussport_nba/artikel_32705.html

Montag, 10. November 2008

Weihnachten - eine Zeit zum Besinnen oder Besaufen?

Um diese Jahreszeit übersetzen wir recht viele Weihnachtskarten. Und gelegentlich kann das in einem Kulturkampf ausarten.

Denn: die deutschen Kunden wünschen ihren ausländischen Partnern oft ein besinnliches Weihnachtsfest.

Nu – manche Landsleute scheuen sich, das Wort Christmas zu schreiben, weil man ja die Juden, Muslimen (und Atheisten?) damit angeblich beleidigen könnte. Aber solche political correctness will ich gar nicht erst kommentieren (Happy Holidays ist übrigens da die meist gekaufte Lösung).

Nein, wir haben ein etwas anderes Problem. Vor allem in England ist Weihnachten die Zeit zum Feiern. It’s a time to let your hair down – also eine Zeit, in der man die Sau rausläßt. Es ist mehr Besaufen als Besinnen. Das Besinnliche - wenn überhaupt - kommt nachher. Es wird manchmal mit Silvester in Verbindung gebracht. Das heisst: wir machen es wieder mal genau umgekehrt wie die Deutschen.

Und wie übersetzt man besinnlich? Mit einem Wort gar nicht, mit einem Adjektiv auch schlecht. Wenn der Kunde unbedingt darauf besteht, dann sagen wir sowas wie:

We wish you a Merry Christmas and a Happy New Year – and time to rest, relax and reflect.

Somit bedienen wir (hoffentlich) mehr oder weniger beide Kulturen.

Nachtrag: meine Schwester hat sich bei mir beschwert. Happy Holidays wäre rein Obamaisch, hat sie gemeint. Stimmt. Season's Greetings hat sie vorgeschlagen. Geht auch. Gott, die Frau ist noch kritischer als ich.

Samstag, 8. November 2008

operativ, produktiv - konstruktive Kritik

Operatives Management auf Englisch? Operational management. Nicht operative. An operative ist jemand, der eine Maschine bedient.

Produktivumgebung (ja, ja, IT schon wieder)? Production environment. A productive environment ist eine, in der die Menschen gern und gut arbeiten.

Wird eine Anwendung produktiv geschaltet (Wirkbetrieb, Regelbetrieb), so heisst das:

The application has gone live.
The application has gone into production.
The application has been transferred into the production environment.

Und so weiter. Aber nix mit productive, regular, action - oder was ich sonst für Auswüchse erlebt habe.

Freitag, 7. November 2008

Die buzzwords von 2008 auf Englisch

Wir „entwicklen“ gerade unsere Weichnachtskarte – und spielen dabei mit den buzzwords (also die Begriffe, die gerade „in“ sind) des Jahres 2008.

Die Kreditklemme = credit crunch
Rettungspaket = bail-out package
Einstellungsstop = hiring freeze oder auch job freeze
Gewinnwarnung = profit warning
Markturbulenzen = market turmoil (singular)
Kreditverbriefung = debt securitisation (auf Obamaerisch securitization)
Produktionspause = suspended production (zum Beispiel: Daimler has suspended production... Es gibt aber auch andere Möglichkeiten: production cutbacks, to curb production)
Geldvernichtungsmaschine = Lehman Brothers
Wendelin Wiedeking = Hedge Fund Manager of the Year
Hypo Real Estate = the black hole of Munich

Tolles Jahr für neue Begriffe, nicht?

Mittwoch, 5. November 2008

Digitalisierung, Authentifizierung, Adaption

Heute wieder mal was für die IT-Fuzzis. Naja, nicht nur.

Digitalisierung heisst auf Englisch to digitise (auf Obama-Englisch: digitize). Liebe Übersetzer, bitte memorise. Auf Denglisch ist das digitalise. Leute, das ist FALSCH!

Authentifizierung heißt auf Englisch authentication. Nicht authentification. Leute, das ist FALSCH! Auch auf Obama-Englisch.

Ach, alles auf Englisch ist kürzer? Nein, nicht immer.

Wird ein Text von uns adaptiert, so ist das Endprodukt eine adaptation. Manche Konkurrenten behaupten, adaptions anzubieten. Leute, das ist FALSCH!!!! Und das obwohl es angeblich deren Kernkompetenz (core competency) sein soll.

Montag, 3. November 2008

Out of office in Welsh

Auch in Großbritannien wird übersetzt - gelegentlich auchs Walisische. Und auch in Great Britain geht das manchmal schief.

Ich bin Axel E. für den Hinweis auf folgenden Bericht dankbar:

http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/wales/7702913.stm

oder auch auf Deutsch:

http://www.zoomer.de/news/news-zoom/mixed/abwesenheitsnotiz/falsches-straszenschild-dank-falscher-mail

Dahinter steckt aber auch ein Problem, mit dem wir auch zu ständig zu kämpfen haben: man sollte gesetzten fremdsprachlichen Text von einem entsprechend kundigen Ausländer korrektur lesen lassen. Bei uns ist das schon im Preis inbegriffen. Das Angebot wird aber nicht immer in Anspruch genommen. Und oft hat der (deutschsprachige) Kunde unseren Text zwischenzeitlich "korrigiert" (da fällt mir das wunderbare Wort "verschlimmbessert" ein).

Es ist ein Vorgang, der in der eigenen Sprache undenkbar wäre - eine deutsche Broschüre oder Anzeige, die von einem Nichtdeutschen geändert wurde - und dann ab in den Druck ohne Gegenkontrolle? Aber auf Englisch? Ja klar, machen wir. Englisch kann doch jeder.