Sonntag, 10. Mai 2009

Medienbrüche auf Englisch – glitches, gaps, breaks? Vorsicht: Denkfehler!

Medienbrüche (Medienbruch), Systembrüche (Systembruch) – mit diesen Begriffen tun sich verdammt viele Übersetzer verdammt schwer. Und daher muss ich heute a bisl ausholen. Bear with me, please - und holt euch schon mal n Kaffee, das wird jetzt dauern.

Was habe ich alles gelesen: media glitches, format mismatches, integration gaps. dict.cc empfiehlt media disruption (erm, ist das ein Streik in der Medienbranche oder vielleicht der Ausfall eines TV-Programms?), bei leo und http://www.woxikon.de/ gibt es media crush (das ist wohl entweder ein Pulk von Reportern oder der Druck von 10 Tonnen Zeitungen und Zeitschriften).

Alles SCHROTT allererster Sahne (Leo-Übersetzung: [s]crap of all-first cream). Alles ohne Warnhinweis oder Erklärung. Und alles, alles, alles das Ergebnis eines typischen Denkfehlers (übrigens: ebenfalls ein wunderschöner deutscher Ausdruck, den man kaum mit einem einzelnen Begriff übersetzen kann).

Sorry, aber rege mich tierisch (Leo-Übersetzung: animaly) auf - wer schreibt diesen Blödsinn? Wer glaubt allen Ernstes, damit einen Beitrag zum Völkerverständnis zu leisten?

Today's lesson: Es gibt Begriffe, die nur in einer Sprache existieren und nicht 1:1 übertragen werden können – der Gedanke dahinter dagegen schon.

Also Leo-Leute, hört doch endlich auf, einen „englischen Begriff“ für „Medienbrüche“ zu suchen. HAAAAAALLOOOO, DEN GIBT ES NICHT!!! Capito? Die Suche führt in die Irre. Die Suche führt ins Leere.

Aber Lösungen? Ja, die gibt es sehr wohl (aber natürlich in keinem Collins, Pons, Langenscheidt und nicht auf Leo, proz.com oder dict.cc).

Schauen wir uns ein paar Beispielsätze an:

Beispiel 1:
Egal ob Sprach- und/oder Datenübermittlung verwendet das Netz durchgängig die IP-Technologie und arbeitet daher bei allen innerbetrieblichen Abläufen und Prozessen ohne Medienbrüche.

Beispiel 2:
Monatlich verarbeiten die Mitarbeiter des Finanzministeriums die Bezüge von rund 340.000 Beschäftigten und 100.000 Pensionären sowie etwa 30.000 Personalfälle – dies jetzt durchgängig ohne Medienbrüche.

Beispiel 3:
XYZ bietet Fabrikplanung ohne Medienbrüche.

Beispiel 4:
Die Kunden von XYZ können dann aus ihrer Materialwirtschaftssoftware heraus ihren Bedarf direkt und ohne Medienbrüche in das SAP-System übertragen.

Es folgt die crellinsche Analyse:

Erstens: Offiziell hat der Begriff „Medienbruch“ was mit dem „Medium“ zu tun, auf dem oder mit dem Daten erfasst oder gespeichert werden. Wird jedoch in der Realwirtschaft kaum so verwendet – sondern eher im Sinne von (Software-)Systembruch.

Zweitens: Der Begriff wird recht gummiartig eingesetzt – also ist Kontext entscheidend.

Drittens: In Beispielen 2 und 4 ist das Wort eigentlich überflüssig. Auch hier tun sich viele Übersetzer schwer: Sie merken nicht, dass einiges tatsächlich klarer wird, wenn man es NICHT mit übersetzt (ich höre schon den Aufschrei: Was nicht übersetzen???? Das geht doch nicht!!! OH DOCH – wenn es dem Leser hilft).

Viertens: GANZ WICHTIG – fast immer erscheint das kleine aber sehr wichtige Wort „OHNE.“ Wir sollten uns folgerichtig nicht so sehr mit „Medienbrüche“ sondern mit „ohne Medienbrüche“ beschäftigen.

Wir müssen daher als Erstes im Deutschen die Kernbotschaft kontextabhängig ausfindig machen und dann erlegen:

Wenn eine (Software-)Umgebung „ohne Medienbrüche“ arbeitet, dann ist sie „nahtlos integriert.“ Und siehe da: Halleluja, wir haben für viele Zusammenhänge eine Anwort: XYZ arbeitet ohne Medienbrüche = XYZ is seamlessly integrated.

Wie ging das? Wir haben den Begriff ganz einfach auf den Kopp gestellt. Und wie schon mal erwähnt: Eine solche Rochade ist eine elegante Lösung für eine sonst fast aussichtslos erscheinende linguistische Notlage.

Auch für Beispiel 4 könnte man gut und gern ...transfer their requirements directly and seamlessly to the SAP system“ schreiben.

Gelegentlich wird mit „ohne Medienbrüche“ den Tatbestand beschrieben, dass Daten nicht doppelt erfasst werden müssen (naja, ist natürlich das Ergebnis von nahtloser Integration, aber egal). Hier könnte man sagen:

You do not have to re-enter data (into the system).
Oder:
You do not have to re-key the data (manually)

In manchen Zusammenhängen (siehe Beispiel 3) ist die durchgängige Unterstützung für einen bestimmten Prozess gemeint.

Hier ist ganz nützlich:

XYZ provides end-to-end (electronic/software) support for the XYZ processoder einfach
XYZ creates an end-to-end electronic XYZ process

Also meine lieben Leo Lovers: keine gaps, glitches oder disruptions mehr. Das kapiert keiner.

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