Sonntag, 28. Juni 2009

Falsch gelötet

Wir wurden diese Woche gebeten, die Übersetzung einer Website zu überprüfen – es geht um Löttechnik für die Automobilbranche. Und? Wie heißt Löten auf Englisch? Was steht in den Wörterbüchern? Auch in den technischen? Meist steht nur: solder. Und sonst nix. But that is not the whole story.

Hätten Sie es lieber hart oder weich?
Es gibt Weichlöten (bis 450 Grad Celcius) und Hartlöten (ab 450 Grad Celcius). Auf Englisch soldering und brazing.

Gefahr im VerzugLeider wußte das der Übersetzer nicht – oder es war ihm (oder ihr) nicht wichtig genug, mal nachzufragen, welche Technolgie gemeint war. Also war der allerwichtigste Begriff im gesamten Internetaufritt durchgehend falsch. Auch nett war die Übersetzung von Verzug. Nein, das Material war nicht delayed, mein Lieber. Sondern warped oder distorted.

Billig ist nicht immer recht
Aufschlussreich war das ursprüngliche Angebot für die Übersetzung. 200 Normzeilen zum Schnäppchenpreis von 200 EUR.

Watch out for the rats!
Aber im Kleingedruckten steht: Nachträgliche Änderungen werden zum Stundensatz von 70 EUR durchgeführt. Das ist mit unseren Sätzen durchaus vergleichbar. I smell a rat (= da stimmt was nicht; es ist was faul im Staate Dänemark).

Stundensatz auf Profi-Ebene, Zeilenpreis auf Dumping-Niveau? Das heißt: Für die Übersetzung eines recht wichtigen Textes mit vielen Fachbegriffen setzt man drei Stunden an? Inklusive Recherche, Rückfragen und Überprüfung? Naja, oder eben ohne. Das Ergebnis spricht für sich.

Mehr zum Thema hier:

Löten
http://de.wikipedia.org/wiki/L%C3%B6ten
Brazing
http://en.wikipedia.org/wiki/Brazing

Freitag, 26. Juni 2009

Hotel mit amerikanischer Stange und Karpfenarche?

Viele Menschen glauben, dass man zum Übersetzen nur ein Wörterbuch braucht. Nachschlagen, Wort finden, einfügen. My thanks go to Thilo Schrumpf für folgenden Beleg für die amüsante und imageschädigende Wirkung von Übersetzungen per Leo, Langenscheidt und Babelfish (besonders neckisch finde ich Karpfenarche...think about it... wie heißt Karpfen auf Englisch? Und Arche? Dann verbinden...).








Mittwoch, 24. Juni 2009

Die beste Übersetzung ist manchmal gar keine

Heute verfolge ich mit Interesse eine kleine Debatte auf proz.com

Es geht um diesen Satz und das wunderbare Wort „verarbeitet“.

die verarbeiteten Hochleistungs-LEDs schaffen eine Leuchtkraft von 50 herkömmlichen LEDs

Es werden viele Vorschläge gemacht. Unter anderem reenginereed und processed. Sorry, aber Ersteres finde ich sehr gewagt (es könnte sein, halte ich aber ziemlich unwahrscheinlich). Und Zweiteres ist halt der Standardvorschlag, der meist nicht passend ist – auch hier nicht. Die LEDS werde doch nicht „processed“ wie Erbsen oder Chemikalien.

Bei der ganzen Debatte vermisse ich zwei ganz wesentliche Punkte.

Erstens: Der Gesamtkontext fehlt – vor allem der Satz davor. Er könnte hier entscheidend sein.

Zweitens: Wenn unklar ist, was mit dem Wort gemeint ist, so sollte man nicht einfach raten – sondern den Autor/Kunden anrufen!!! Aber da tun sich viele translators schwer. Anrufen??? Bloß nicht!!!!

Meine Vermutung?
Das hier „verarbeitet“ nur „eingesetzt“ bedeutet. Das meinen auch einige andere in dem Forum. Was Sie aber nicht vorschlagen, ist dieses: Das Wort kann mit großer Wahrscheinlichkeit ganz einfach weggelassen werden – denn der Satz davor macht (hoffentlich) klar, um welche LEDs es sich handelt.

Das "verarbeitet" ist hier (vermutlich - ich hab den vorherigen Satz nicht!) eine typisch germanische Verbindung von zwei Sätzen. Und weglassen tut dem Satz auf Englisch sicherlich gut.

Dasselbe gilt für Adjektive wie "notwendige", "entsprechende", "resultierende", "beschlossene".

James Bond läßt grüßen
Doch viele Übersetzter wollen jedes einzelne Wort auf-Teufel-komm-raus mit in die Zielsprache übernehmen - - wie eine geldgierige Figur des Bösen in einem James-Bond-Streifen, der in den Flammen verbrennt, weil er keine einzige Banknote zurücklassen will.

Meine Empfehlung?
Übersetzt lieber die Kernbotschaft – möglichst knapp, möglichst deutlich. Und ersetze die deutschen Verbindungen durch andere (wenn sie überhaupt nötig sind).

Und in diesem Fall bitte den Satz davor berücksichtigen - und bei Unklarheit ANRUFEN!!!

Hier die Debatte:

http://www.proz.com/kudoz/german_to_english/electronics_elect_eng/3131852-verarbeitet.html


Nachtrag:
Die Übersetzerin hat "modified" genommen. Tja, hoffentlich stimmt das auch. Es ist jedoch - wie meine Freundin in Bezug auf meine Kochkünste meint - russisches Roulett. Was, wenn es nicht stimmt? Dann bekommt der englische Leser womöglich eine gefährliche Fehlinformation. Ein Anruf hätte das Problem gelöst, Catherine.

Samstag, 20. Juni 2009

Brunos Kugelsack

Ja, auch wir Engländer importieren und missbrauchen (echte oder vermeintliche) deutsche Wörter - wie zum Beispiel Gesamtkunstwerk, Blitz, Schadenfreude, Angst, kaputt und einiges mehr.

Kennt ihr den neuen Kultfilm "Bruno"?

Dank dem "schwulen Österreicher" gibt es bei uns einen netten neuen Begriff im Genitalbereich, den selbst The Sun gierig und ausgiebig einsetzt:

http://www.thesun.co.uk/sol/homepage/showbiz/bizarre/2492024/Bruno-causes-mayhem-in-Amsterdam-posing-in-red-thong.html

Freitag, 19. Juni 2009

Flachwitzer, Format G und andere Köstlichkeiten

Folgende Website bietet köstliche Beispiele der Jugendsprache - ist a bisl handgestrickt und nicht gerade vollständig, aber teilweise richtig lustig.

http://www.dyden.de/

Sonntag, 14. Juni 2009

Kundenorientierung

Das Handelsblatt hat diesen Monat Deutschlands kundenorientiertesten Dienstleister gekürt.

http://www.business-wissen.de/marketing/kundenorientierung/fachartikel/auszeichnung-deutschlands-kundenorientierteste-dienstleister.html

kundenorientiertesten - wow, what a mouthful! Ist kaum auszusprechen. Aber man kann es übersetzen.

Und da würden die meisten Denk-Nicht-Lange-Darüber-Nach-Denn-Das-Kostet-Nur-Zeit-Übersetzer customer orientation bzw. customer oriented schreiben.

Es duftet nach mehr
Das ist auch kein absolut fieser Falscher Freund. Aber ein Freund, der bei zu häufigem Besuch etwas müffelt. Es gibt wohl riechende Alternativen.

Focus on the central driver
Bei der Auszeichnung des Handelsblatts (von dem ich ein stolzer Abonnent bin – wegen der Hintergrundinfos, die man sonst nirgends zu sehen oder hören bekommt) würde ich wahrscheinlich customer service nehmen (besonders passend für Firmen, die Verbraucher oder Gäste bedienen – wie Hotels, Restaurants, usw). In einem allgeminen Sinne, vor allem im B2B Bereich, spricht man häufig von customer focus oder customer centricity (habe gerade vor einer Stunde bei der linguistischen Analyse meiner Lieblingskrankenhaussendung Holby City den Begriff patient centric gehört). Auch customer-driven (organisation) ist eine gute Lösung.

Der Google-Test?
Den besteht zwar customer orientation. Aber customer focus(ed) und customer centric(ity) schneiden viel besser ab – vor allem wenn man die .de-Websites ausschließt.

Und: Wir ziehen das Adjektiv dem Substantiv eindeutig vor.

Ein Zitat von Shakespeare (und Prof. Prof. Dr. Dr. Crellin)
Also liebe Übersetzer – orientiert euch nicht immer gleich an der bequemsten Lösung sondern an der Besten! Und wie Bill Shakespeare schon mal sagte: Variety is the spice of life (and language). Ja, Shakespeare-Zitate darf man ergänzen.

Übrigens: Gäbe es eine Auszeichnung für den kundenfeindlichsten Dienstleister Deutschlands hätte ich schon einen Prima-Kandidaten - 1und1. Der Fall landet demnächst vor Gericht...

Dienstag, 9. Juni 2009

Ein Link für Branchenkenner

Bin (schon wieder!) Eva Stabenow für folgenden Link sehr dankbar.

Es steckt (leider) sehr viel Wahrheit in dem bissigen (englischsprachigen) Text dieser Website:

http://www.eurozonetranslations.com/

Wahrheit Nr. 1: Die Ausgangstexte, die wir übersetzen sollen, sind oft extrem schlecht geschrieben - und wir machen was Besseres daraus.

Wahrheit Nr. 2: Viele Kunden erwarten, dass Übersetzungen grundsätzlich billig sind - egal wieviel Aufwand damit verbunden ist.

Wahrheit Nr. 3: Viele Kunden wollen selbst für sehr wichtige Dokumente oder Werbung nur minimale Summen ausgeben - auch wenn das Ergebnis großen Imageschaden anrichten könnte. Sie geben aber mit Sicherheit ohne mit der Wimper zu zucken im privaten Bereich viel mehr aus (wie oft haben wir Proteststürme bei Summen um die 100 EUR für Werbemailings erlebt).

So, genug moaning and groaning.

Mittwoch, 3. Juni 2009

Nomen est omen – part 2

Firmennamen übersetzen? No!!! Mit ganz wenigen Ausnahmen. Münchener Rück beispielsweise hat einen offiziellen englischen Zwilling: Munich Re.

Allerdings sollte man einige Regeln beachten:

Der Artikel MUSS weg!!! Es heißt auf Englisch Commerzbank has acquired Dresdner Bank. Und nicht: The Commerzbank has acquired the Dresdner Bank.

Kennen Sie den Claim von der Citibank? Citi never sleeps. OHNE THE. Der eigentliche Spruch lautet: THE city never sleeps. Durch das Weglassen von THE wird klar: Es geht hier um das Unternehmen.

Bei Group habe ich beides gesehen und gehört – mit und ohne THE. Übrigens: Konzern kann man nicht automatisch mit Group übersetzen – das kapieren viele Native Speaker Translators nicht. Und BLOß NICHT nicht mit concern. Auch das habe ich leider gesehen.

Ein Name, der im Deutschen dekliniert wird, wird im Englischen wie im Nominativ behandelt. We negotiated with Deutsche Bank. Und nicht: We negotiated with Deutscher Bank.

AG und GmbH auch lieber weglassen. In einem juristischen Text nicht. Auch nicht, wenn es dadurch Missverständnisse geben könnte (XYZ GmbH ist eine 100%ige Tochter von XYZ AG). Aber im Grossen und Ganzen werden in allgemeinen und journalistischen Texten solche Anhängsel in The Economist und The New York Times gnadenlos über Bord geworfen. Es steht fast ausnahmslos geschrieben: Royal Bank of Scotland. Und nicht: Royal Bank of Scotland plc. Dasselbe Prinzip gilt for Daimler, BWM und Konsorten. Sonst fällt es negativ auf.

Abkürzungen, die im Englischen nicht geläufig sind, sollten in Länge gezogen werden. Also Deutsche Telekom und nicht nur Telekom oder DTAG.

Und noch was: Germanen schreiben Firmennamen unheimlich gern durchgehend in Versalien. In England, Wales, Scotland und North America sehr, sehr selten (gewisse Frauenzeitschriften machen das – GLAMOUR zum Beispiel, und Abkürzungen natürlich auch – wie IBM und HP).

Aber PFLEIDERER wirkt sehr LAUT und MARKTSCHREIERISCH auf Englisch. Aber nur die wenigsten deutschen Kunden lassen sich in diesem Punkt überzeugen.

Wir kennen den Einwand: „Das ist aber unsere Corporate Identity“. Ja. Aber es ist eine CI, die aus einem deutschen Sprachverständnis entstanden ist.