Samstag, 26. Dezember 2009

Eine wahre Geschichte

Wenn es darum geht, das eigene Unternehmen, die eigene Leistung, das eigene Können, vorzustellen, dann neigen ALLE – auch ich – viel zu viel sagen und schreiben zu wollen.

Keep it short and simple!!!
Eine wesentliche Rolle eines Texters und (Übersetzers, aber das ist weitaus schwieriger) ist daher dem Kunden zu sagen: less is more. Die Nachricht wird nicht immer gern in Empfang genommen. Daher ein weiterer englischer Spruch: don’t shoot the messenger!

Hotel und Häppchen in Hamburg?
Ich wurde vor drei Jahren von einem großen deutschen Technologieunternehmen gebeten, deren allererste englischsprachige Image-Broschüre zu texten. Nur zu, dachte ich, ist ja genau mein Ding (just my cup of tea). Ich sollte aber für drei volle Tage (Hotel wird bezahlt, gutes Essen auch...) nach Hamburg. Wie bitte? Ich bin zwar mehr als froh, wenn der Kunde tatsächlich zu einem persönlichen Briefing bereit ist, aber drei Tage????? Und das mitten in der Hochsaison (bei uns Frühling und Herbst)? Ich habe mich mit dem Kunden auf einen halben Tag geeinigt.

Hail the party pooper!
Als ich (endlich) ankam, traf ich auf etwa 20 fröhlich-positiv gestimmten Menschen um eine Tafel versammelt – worauf ungefähr 40 bis 50 Zettel mit Begriffen wie „Wertschöpfung“ „High-Tech-Expertise“ „Branchenwissen“, „alles aus einer Hand“ standen.

Es war das Ergebnis der „dreitägigen Workshop“, der ich ja nicht beigewohnt hatte (übrigens: ich schätze die internen Kosten der hochkarätigen, hochdotierten Teilnehmer auf locker 70 Mille – schluck).

Ganz ehrlich: mir lief der Schweiß den Nacken runter. Warum? Weil mir klar war, ich muss jetzt die gute Stimmung torpedieren (I was going to have to play party-pooper).

„Wenn ich das alles in die Broschüre aufnehme, werden es ungefähr 30 dicht bedruckte Seiten.“
„Ja? Kein Problem,“ sagte die von Südafrika extra angereiste und extra attraktive Moderatorin.
„Wann hat jemand hier in der Runde das letzte Mal eine 30-seitige Broschüre von vorn bis hinten durchgelesen?“

I’m a copywriter – get me out of here!
Wir haben uns gott sei dank in der Folge auf sechs Seiten mit den wichtigsten Kernaussagen und viel „white space“ geeinigt. Und ich bin lebend rausgekommen.

Aber das Problem ist halt ein Dauerbrenner (it’s a perennial problem). Die meisten Kunden wollen viel zu viel schreiben, und wiederholen und verheddern sich bis zum Umfallen. Dabei ist es besser und billiger, wenn man sich kurz hält und klar ausdrückt. Der Leser ist auch dankbar.

Mit Glück ist der Kunde kooperativ und kritikfähig – aber sehr oft wird der Überbringer der schlechten Nachricht ignoriert oder abgeschossen. Ich sag’s doch: Don’t shoot the messenger.

Samstag, 19. Dezember 2009

Crap-Claim-Collection

Sooooo, wir wären wieder in der Autoindustrie. Denn in keiner anderen Branche gedeihen so viele denglische Sumpfblüten.




Hier zum Beispiel. Da fragt sich der Engländer einfach: Where to?. Es heißt so viel wie: "Wir befördern/transportieren die Automobilwelt." Toll, nö?



Über die Tücken von competence habe ich genug geschwafelt. Aber car competence ist besonders krass. Ist ziemlich frei von jeglicher Bedeutung. Selbst auf Deutsch würde man nicht von "Autokompetenz" reden. Aber Englisch darf jeder germanische Werber so hin- und herbiegen wie er will, bis die arme geschundene Sprache bricht. Und eine Verbindung kann man nur zwischen zwei oder mehr Sachen herstellen - daher connecting people von Nokia, was wohl Pate für diesen Blödsinn stand. Das Ergebnis ist also völlig meschugge. Connecting what to what????

Wie entstehen solche unsinnige Claims? Entweder texten deutsche Werber gleich auf Englisch für deutsche Kunden, die alles dann abnicken, weil sie genauso germanisch denken und empfinden (Ja, ja, car competence ist gut!! Und dann die tolle Alliteration mit connecting! Ja, ja, kennen wir von Nokia!). Oder man erfindet ein werbewirksames Wortspiel auf Deutsch (wir bewegen...) und läßt es irgendwo für 20 EUR wortwörtlich übersetzen - ohne einen Gedanken darüber zu verlieren, dass das play on words ganz schnell lost in translation ist.

Gelegentlich wird zu später Stunde irgendein Muttersprachler im Vorbeigehen zaghaft gefragt, ob man "das so sagen kann?". Der Befragte ist selten über die Trageweite seiner Antwort bewusst. Und selten ein Texter, der kompetent beraten könnte. Welche Werbeagentur würde ihre deutschen Claims für Großkunden der Autoindustrie vom erstbesten Passanten auf dem Kudamm absegnen lassen? Aber auf Englisch ist es gang und gäbe.

Samstag, 12. Dezember 2009

Die zahlreichen Möglichkeiten für „langjährig“

Langjährige Erfahrung
Wie wirds übersetzt? Meist mit many years of experience. Gääääähn. Es geht natürlicher, knackiger und werbewirksamer. Many years’ experience – ohne of – wäre schon mal ein gangbarer Anfang. Aber das sagen wir eh nicht so oft. Extensive experience. In-depth experience. Considerable experience. Zur Abwechslung a long and successful track record.

Zahlreich
Wird gern mit numerous wiedergegeben. Numerous hat aber irgendwie a Geschmäckle, wie die Schwaben sagen. After numerous attempts, he finally persuaded her to go out with him. Besser ist many, a large number of. Oder man stellt den Satz um - und sagt sowas wie often, frequently.

Es gibt zahlreiche Alternativen zu wortwörtlichen Übersetzungen. Und nach langjähriger Übung fallen sie einem schneller ein.

Synergieeffekte = weniger nicht mehr?

Zugegeben: Ich habe tatsächlich ein Mal in einem waschechten englischen Artikel synergy effects gelesen. Aber wir sprechen viel öfter von synergy (Einzahl), ganz ohne Spezialeffekte.

Oft wird Synergieeffekte jedoch nicht im Sinne von 2 + 2 = 5 sondern eher 2 + 2 = 3 verwendet.

Let me illustrate - Beispiele aus der Praxis:

"Können durch den Einsatz von standardisierten Komponenten Synergieeffekte erzielt werden?"

"Analysten erhoffen sich von der Fusion signifikante Synergieeffekte."

Naaaaa? Ist das ein Plus an Innovationskraft, Strahlkraft (tolles Wort!) oder Finanzkraft, das erwartet wird. No way. Es geht eher um Minus – um Konsolidierung und Einsparungen.

Mein Vorschlag als ählicher englischer Euphemismus: efficiencies

Hier vom Federal Trade Commission (man beachte auch “utilization” ganz ohne „capacity“ als Übersetzung für Auslastung)

"Nevertheless, mergers have the potential to generate significant efficiencies by permitting a better utilization of existing assets, enabling the combined firm to achieve lower costs in producing a given quantity and quality."


Who chewed up my language?

Viele Kunden dichten selber auf Englisch, und wollen es von uns „kurz überflogen“ haben. Oder sie verbessern unser Englisch. Und sind überrascht oder gar empört, wenn wir davon abraten.

Diese Woche war besonders krass.

Das hier ist nur ein Beispiel aus einem 12-seitigem White Paper:

Innovation is expected added value of CIO, but own stuff is eaten by commodity

Schön, nicht? Also, ich glaube, ich kann was daraus zaubern, aber Spaß macht es nicht. It is not what I signed up for. Es ist wie einen mit Diesel betankten Benziner wieder flott kriegen. Oder ein Haus mit Asbest in den Wänden wieder bewohnbar machen.

Stuff ist wohl staff. Commodity ist wahrscheinliche routine tasks. And eaten? Naja, die sind mit den Routineaufgaben voll ausgelastet und können sich nicht auf Innovation und Wertschöpfung konzentrieren. Aber muss das sein??? Es ist soooooo mühsam zum Entziffern.

Und gleich zwei führende Autoteilelieferanten haben sich diese Woche in das Wort „comfort“ verliebt. Sorry, aber Parkassistenten und Internetanbindung sind nicht comfortable – das ist der Sessel vorm Kamin.

Ach ja, und ein Management Communications (was natürlich gleich 2x falsch ist) korrigierte folgenden Satz:

He explained the situation via a variety of employee communications

in

He explained the situation via a variety of employee informations

Ich sage nur: Garbage is expected added value of management communication, when own language is eaten by Denglisch

Samstag, 5. Dezember 2009

Prokura, Prokurist, ppa

Ungefähr vier Mal im Jahr bekommen wir folgende Frage gestellt: "Wie sagt man Prokurist auf Englisch, denn wir müssen englische Visitenkarten drucken lassen..."

The answer is: Gar nicht.

Es geht um Status!!!
Prokura ist eine besondere Art der Vollmacht - speziell in Unternehmen. Ein Prokurist ist einer, der Prokura hat. Aber der Titel ist gleichzeitig eine Aussage über Status, Entscheidungskompetenz, Position.

Schlägt man in den bilingual dictionaries (die monolingual dictionaries sind oft viel aufschlussreicher) und Leo (igit) nach, so findet man sowas wie "holder of commercial power of attorney" oder "authorized signatory". Oh Gott, alles wieder das Ergebnis eines Denkfehlers.

Jaaaaaaaaa. Es sind putzige Umschreibungen, aber sie verfehlen das eigentliche Ziel - einen Titel, mit dem ein Nichtdeutscher was anfangen kann. Wenn einer sagen würde: I am the holder of commercial power of attorney dann wird sich sein English-speaking Gegenüber entweder über die aufgeblasene Formulierung totlachen oder einfach ein lautes "huh?" von sich geben.

Ja, wie nennen wir den Herrn denn?
Man muss was Neues, Passendes erfinden. Im Prinzip müsste jedes Unternehemn ein englisches Organigramm (orgchart) von unten bis oben durchdefinieren. Üblich dagegen ist ein organisch gewachsenes britisch-amerikanisch-denglisches Durcheinander.

Der Prokurist könnte z.B. ein Executive Vice President, ein Director, oder vielleicht der CFO oder der CIO sein - das muss man im Einzelfall entscheiden.

Ppaaaaaah!!
ppa ist ein extrem interessanter False Friend. Auf Deutsch ist es eine Abkürzung für Prokura. Im Englischen wird es nur dann verwendet, wenn Cheffe einen Brief diktiert hat und die Sekretärin in seinem Namen unterschreiben darf - weil er in der Zwischenzeit auf dem Golfplatz ist.

ppa ist quasi "nach Diktat verreist", mehr nicht.

In Vollmacht, im Auftrag?
Sowas schreiben wir nicht am Ende eines Briefes. Diese Dinge sind rein Deutsch und unübersetzbar. Weg damit!

Dienstag, 1. Dezember 2009

Es ist eine Schande!!!!

Wochenendarbeit
Am Weekend habe ich aus rein sprachwissenschaftlichen Beweggründen die wöchentliche Sky-Sendung über die Premiere League geschaut. Der Fussball hat mich dabei natürlich mitnichten interessiert. Im Gegenteil. Es war eine Qual der linguistischen Wahl.

Blackburn Rovers
Der Sprecher hat berichtet: “It was a shame that Blackburn Rovers were relegated just four years after they were crowned champions.”

Das wurde mit „Es war eine Schande...“ übersetzt. Wie sooft. Und wie sooft falsch.

Das ist jetzt zugegebenerweise nicht logisch, aber „it’s a shame“ heißt zwar wörtlich „es ist eine Schande“ aber die Bedeutung ist ganz anders, nämlich: „es ist schade“.

West Bromwich Albion
Übrigens: Ich würde gern mal mit den Kommentatoren eine Art Schulung (zu Deutsch: Training oder Workshop) machen. Thema? Wie spreche ich die Namen von englischen Fussballklubs aus. Heutiger Schwerpunkt ist der Buchstabe „W“.

Norwich wird nicht Nor-witch ausgesprochen sondern Noh-ritsch. Das W ist lautlos. Bei West Bromwich Albion heißt es nicht Brom-witch sondern Brom-mitsch. Das W ist lautlos.

Fit wie ein Turnschuh
Übrigens (take two): Ein Trainer ist ein Manager und ein Manager ist in etwa ein Director of Sport. Ein Trainer ist ein Turnschuh. Und Relegation ist a play-off. Und Kicker ist in Amiland foosball. Capish?