Mittwoch, 24. März 2010

Warum bekommt man gerade von den großen Büros oft mangelhafte Ware?

Sagen wir mal so: big is not always beautiful.

Armer Andrew
Es gibt Büros, gewiß nicht alle, die arbeiten folgendermaßen: Die Aufträge werden verteilt – an Bob in Atlanta, an Anne in Schottland, an Ranjid in Indien. Es gibt noch Andrew in Stuttgart, einen sehr guten und erfahrenen Übersetzer; aber er ist etwas teuerer - und stellt viele Fragen. Das ist manchmal lästig. Er wird deswegen lieber nicht genommen.

No questions, please
Die beauftragten Übersetzer bekommen vielleicht 50% vom Preis, vielleicht weniger. Will man Geld verdienen, muß man schnell übersetzen. Eine halbe Stunde Recherche für einen Begriff, für den ich 50 Cent bekomme? Mmm, vielleicht nicht. Eine Frage stellen, weil der deutsche Text irgendwie nicht ganz so stimmen kann? Naja, das kostet Zeit, Telefongebühren - und wird nicht belohnt. Im Gegenteil, das Büro reagiert genervt, und möchte den direkten Kontakt mit dem Kunden auf jeden Fall vermeiden.

Wie, überarbeiten???
Den Text mehrmals ausdrucken und überarbeiten, damit er nicht "übersetzt" klingt - oder gar von einem zweiten Muttersprachler gegenlesen lassen? Das reduziert meinen Stundenlohn um 20, 30 vielleicht 50%. Und keiner dankt mir dafür. Nun landet die Übersetzung wieder beim Büro. Wird der Text geprüft? Vielleicht. Oft nicht. Oder man prüft einfach, ob alles und nicht unbedingt wie alles übersetzt wurde. Genau prüfen und gegebenenfalls überarbeiten? Das kostet wieder Zeit. Damit wäre die Marge dahin.

Angestellte sind teuer
Und jeder Angestellter, der die Texte im Hause überarbeitet, ist teuer – da muß ein PC her, ein Büro, ein deutsches Gehalt, deutsche Lohnnebenkosten... Ach was, der Kunde merkt's sowieso nicht... und wenn er meckert, dann gehen wir halt 20% runter. Und drücken den Übersetzer um die Hälfte – schau mal her, der Gewinn ist sogar gestiegen. Eine übertriebene Darstellung? Vielleicht.

Kommentare:

Librarian hat gesagt…

Das erinnert mich sehr an eine wahre Begebenheit... Meine Schwester arbeitet bei einem großen Konzern. Die für ihre Abteilung benötigten Übersetzungen ließ man jahrelang von einer ortsansässigen Agentur machen. Die Qualität war gut und die geleistete Arbeit sicherlich ihr Geld wert.
Dann musste plötzlich gespart werden. Riesige Bereiche des Konzerns wurden nach Bangalore verlegt. Und dort kann man ja auch so super-günstig übersetzen lassen!
Also wurden ab sofort die Aufträge dorthin vergeben, für einen Bruchteil des vorigen Preises.
Irgendwann waren die für diese Abteilung relevanten Intranet-Seiten an der Reihe, neu gestaltet (und natürlich auch übersetzt) zu werden.
Insgesamt wurden 50 (Intranet-)Seiten nach Indien zum Übersetzen geschickt.
Was zurück kam, war eine Katastrophe - mit Müh und Not konnten grade mal 12 Seiten verwendet werden.
Zum Beispiel wurde "Kolleg" (so heißt nun mal die Abteilung, das ist also nicht ganz unwichtig, wie's übersetzt wird) mal zum college, mal zum colleague, und irgendwo war meines Wissens sogar noch ein catalogue dabei...
Resultat: Die zuständigen Mitarbeiter der Abteilung hier in Deutschland weigerten sich, die Übersetzung anzunehmen.
Alles musste nochmal gemacht werden.
Wo war da die Ersparnis?
Das ist einfach: es gab keine. Weder in Form von Zeit noch Geld.

Judy Jenner and Dagmar Jenner hat gesagt…

Danke für diese wunderbare Zusammenfassung, die aus unseren eigenen Federn stammen könnte. Wir sind auch klein, aber fein, stellen andauernd Fragen an den Kunden, damit wirklich alles klar ist, und machen Qualitätssicherung in 5 Schritten. Dafür werden wir auch gut bezahlt, und apropos Recherche: 2 Stunden für einen Begriff? Gerne und oft. Du schreibst uns aus der Seele. Weiter so!

Burkhard Anderko hat gesagt…

Es gibt Hoffnung: Bislang ist mir noch niemand über den Weg gelaufen, der den "Satz" "ARAL. ALLES SUPER." nach Zeilen abgerechnet haben wollte - dem würde ich preislich aber entgegenkommen. Schließlich ist das noch nicht einmal ein ganzer Satz.... ;-)