Sonntag, 6. Juni 2010

Correct me if I’m wrong…

Wir werden gelegentlich von Kunden „korrigiert“ – oft ohne Rück- oder Absprache. Letzte Woche weigerte ein Kunde sogar jegliche Diskussion seiner „Verbesserungen“ für eine Anzeige (die Werbeagentur dagegen teilte unsere Bauchschmerzen).

Die Argumentation des Wortverbesserers:

1. Den Text müssen auch Nicht-Engländer verstehen
2. Ein Muttersprachler (Hat er eine Ahnung von Sprache? Hat er gewusst, welche Tragweite sein Abnicken hatte?) hat den Text angeblich freigegeben

Das Ergebnis war unschön, ungrammatikalisch, ungut.

Natürlich kann man einen Text für ein internationales Publikum etwas vereinfachen – aber bitte nicht völlig verhunzen.

Das ist Anti-Werbung.

Und selbst Nicht-Muttersprachler merken häufig den kleinen aber feinen Unterschied zwischen echtem und nicht-echtem Englisch – und ziehen ihre Rückschlüsse auf die Professionalität und Seriosität (no, not seriousness) des Absenders.

Apropos Freigabe/Abnicken
Nicht immer release. Besser ist approval, acceptance (vor allem bei offiziellen Abnahmen von Maschinen usw) oder umgangsprachlich sign off (gern auch als Verb).

Aber manchmal weiß es der Kunde doch besser!!
Wir hatten letzte Woche den Satz „Das Herz der Familie schlägt für das Verlegen von Frauenzeitschriften“ mit „The family really cares about women’s magazine publishing“ übersetzt. Ist auch nicht falsch. Aber der Gegenvorschlag der Anzeigenleiterin – „The family is passionate about women’s magazine publishing“ war eindeutig pfiffiger und irgendwie treffender.

Comfort and convenience (auch letzte Woche)
Bei vielen denglischen Begriffen haben Germans andere Assoziationen als wir. Convenience ist für uns zum Beispiel völlig unbelastet.

Für viele hiesige Marketing-Menschen erinnert das Wort jedoch unweigerlich an convenience store oder convenience food. Und ist damit leicht negativ. Und nein, comfort ist keine gute Alternative.

Ich finde übrigens die gängige Übersetzung von comfort zone (sprich: Komfort-Zone) auch nicht gelungen. Es geht doch um Wohlfühlen und nicht um "Komfort". Und eine Zone ist es auch nicht.

1 Kommentar:

Wenjer H. Leuschel hat gesagt…

Hallo Martin!

Obwohl ich arbeite mit anderen Sprachpaaren (DE/EN/ES>ZH), finde ich deinen Blog hilfreich.

Von Kunden korriegiert ist manchmal gar nicht so übel. Ich lasse meine Übersetzungen den Kunden korrigieren, wenn möglich. Dies geschieht jedoch immer mit Rück- und Absprache. Somit habe ich die Billigung der Kunden. (Meiste Agenturen möchten nicht, dass der Übersetzer direkte Kontakt mit den jeweiligen Kunden. Dahalb versuche ich so viele Direktkunden als möglich anzuwerben. Mit den Endkunden kann man besser über Korrekturen reden.)

Nun, ein Übersetzer kann nicht allwissend sein. Es gibt Termini, die nur spezifisch bei einem Kunden verwendet sind. Dies wissen der Kunde am besten. Daher lasse ich den Kunden korrekturlesen, um die Billigung zu bekommen. Wenn ein Kunde des Kundens sich mit Beschwerden meldet, ist es dann nicht meine Schuld. Es wird dann auf neu besprechen. So verfeinert man den Übersetzungsprozess. Der Kunde arbeitet mit dem Übersetzer zusammen, auf der Art "collaboration".

Weitergeführt, wenn der Kunde zulässt, dass man die Übersetzung dessen Kunden überprüfen lässt, dann ist die Situation noch besser. So, z.B., ein deutscher Kunde lässt mich mit seinen Kunden in China in Verbindung stehen. Ich lasse meine Übersetzungen dann seine Kunden prüfen. Wenn die Kunden des Kunden meine Übersetzungen billigt haben, habe ich dann kein Problem mehr mit dem Kunden und der Kunde hat auch kein Problem mit seinen Kunden mehr.

Wenn man diesen Konzept weiterführt, dann kommt man auf "Crowdsourcing". Ich weiss, viele Übersetzer haben was gegen Crowdsourcing. Ich bin selber eigentlich auch dagegen. Aber ein gut kontrolliertes Crowdsourcing, ist das Ergebnis immer besser als das, was ein allein kämpfender Übersetzer mit seinem beschränkten Wissen erreichen kann.

OK. Thema wechseln. Zu dem Wort "convenience", ich finde dieses Wort im Englischen eigentlich schon belastet. Ein "convenience marriage" ist doch ein etwas abschätzende Bezeihung für eine gewisse Ehe. Aus Bequemlichkeit tut man schon etwas, was nicht so ganz ist. "Comfort zone"? Oh ye, das klingt aber scheusslich. Diese Bezeichnung erinnert sich an "Trostfrauen (comfort women)" in der japanischen Armee während des Zweiten Weltkrieg. Die hatten bestimmt eine Komfort-Zone.

Feine kulturelle Unterschiede lernt man nie aus. Ich lese deinen Blog mit viel Vergnügen. Vielen Dank!

- Wenjer