Donnerstag, 13. Januar 2011

The delicious Denglisch debate continues

Ich gebe zu: Diese Auseinandersetzung macht mir Spaß.

Herr Allers hat seine Anwort auf seiner eigenen Website veröffentlicht.

http://www.denglisch4ever.de/ (Rubrik: Discussion)

Die Kommentare von Victor Dewsbery (hier auf meinem Blog) finde ich auch sehr interessant.

Kosten-/Nutzenanalyse (cost/benefit analysis)
Das entscheidende Schlachtfeld scheint Denglisch als Kunstsprache (oder eigene Sprache, oder als Teil von Deutsch) zu sein. Ich kann gerade noch in einem versteckten Winkel einen klitzekleinen „Nutzen“ dieser Kunstsprache erkennen (sprich: eine reine Werbesprache exklusiv für Germans). Aber er ist winzig. Und die Kosten sind aus meiner Sicht einfach zu hoch. Und zu diesen Kosten gehört, ja, meine eigene muttersprachliche Seele. Und warum reagiere ich da so emotional?

Doch meine Muttersprache!
Weil Denglisch NICHT mit a health warning daherkommt, sondern fast immer so tut, als wäre sie meine Muttersprache. Es wird geschummelt und betrogen. Zu behaupten, das ist eine eigene Werbesprache, um mir damit jegliche Schutzrechte abzusprechen, ist ein hinterher reingeschobenes spitzfindiges, teilweise unredliches, Argument – it is (disingenuous) sophistry of the highest order (auch wenn Herr Allers sicherlich an Denglisch als realexistierend glaubt).

Alphabet soup anyone?
Wenn absichtlich und klar erkennbar mit der englischen Sprache für Deutsche gespielt wird, finde ich das (in Maßen) in Ordnung. Da fällt mir ironischerweise nur ein Franglais-Beispiel ein – die Sandwich-Kette pret a manger in England!

http://www.pret.com/our_food/soups.htm

Ich empfehle die tomato soup.

Aber das ist nicht der Normallfall.

What’s the point?
Denglisch als „eigenständige Sprache“ erfüllt keinen echten Kommunikationszweck, der nicht schon durch die deutsche oder englische Sprache gegeben wäre. Ja, ein cooles Werbe-Feeling (you see, I am not totally anti-Denglisch) wird vermittelt – aber keine inhaltliche Botschaft. IM GEGENTEIL: die Kunstsprache verwirrt – und nicht nur die Muttersprachler.

Es wird genügend Deutsche geben, die entweder gar kein Englisch verstehen, oder dermaßen gutes Englisch, dass sie nicht sicher sind, ob bei „It’s on you“ die englische oder die denglische Bedeutung zum Tragen kommen soll. Auch innerhalb der Zielgruppe.

Dabei ist „It’s on you“ relativ harmlos. Viel Werbe-Denglisch ist dermaßen grauenhaft, dass keiner durchblickt. Werbe-Denglisch existiert nicht als einheitliche Sprache oder Teilsprache. Sondern sie entsteht jedes mal neu – in Abhängigkeit von den Intentionen und Englischkenntnissen (aha!!) des einzelnen Autors – was wiederum belegt, dass sie keine echte eigenständige (Teil-)Sprache ist.

Test-tube babies, born to die
Es ist keine neue Sprachspezies, die von sich aus überlebensfähig ist. Sie ist eine genmanipulierte Kunsterscheinung, die immer wieder in der Retorte entsteht, die immer wieder anders ist, und immer wieder nach Abhängen des Plakats stirbt.

Einer schreibt „it’s on you“, der Nächste schreibt, „it lies on you“, ein Dritter sagt, „it’s down you“, ein Vierter – naja, you get the picture.


Kreole? Voll krass, Mann!
Die Vergleiche mit Kreolen hinken. Kreole enstehen aus einem natürlichen Mitteilungsbedürfnis heraus. Sie sind nicht künstlich. Sie sind lebendige Sprachen, die von lebendigen Menschen gesprochen werden. Und – ganz wichtig – es entstehen neue grammatikalische Regeln, linguistische Konventionen sowie (total wichtig!) allgemein erkannte Bedeutungen für Wörter und Wendungen (ja, gerade bei Englisch gibt es eine sehr große Schwankungsbreite, aber trotzdem).


Ich verstehe nur Bahnhof
Der Vergleich mit dem Ami, der zum Bahnhof will, ist auch gehbehindert. Er wird verstanden, weil nichts Missverständliches dabei ist. Und er behauptet nicht, eine legitime (Kunst-)Sprache zu sprechen, die besonderen Respekt verdient. Sondern nur schlechtes Deutsch. Er lässt sich sicherlich gern korrigieren! Und fitness studio (vor allem studio) ist uns zu weit weg von „gym.“ Es ist zu sehr Eigenname. Ja, es kann sich noch durchsetzen wie hoover und co. Glaube ich aber nicht.

Da njet
It’s on you dagegen habe ich falsch verstanden, weil die Konstruktion „on you“ eine klar vordefinierte Bedeutung hat, die in meinem englisch programmierten Hirn einen fest verdrahteten linguistischen Schalter umlegt. Wenn ein Russe Ihnen sagt: „Ich komme mit der Maschine“, was verstehen Sie? Dass Abromovich in seinem Privatflugzeug kurz rüberjettet? Leider kommt Ivan mit dem Auto – denn „Maschine“ auf Russisch bedeutet Blechkarosse. Das ist JonnyM in Grün.

I always manage to mention football
Ob wir weniger gut falsches Englisch oder Dialekte verstehen als Deutsche? Hmm, Dialekte sind in Deutschland auf jeden Fall viel mehr präsent – und eher akzeptiert als in England. Es sind echte Dialekte. In England sind es eher Unterschiede in der Aussprache. Es gibt aber Ausnahmen – der neue Trainer von Liverpool FC, Kenny Dalgliesh, spricht für meine Begriffe einen wahrhaftigen Dialekt. Kein Wunder, wenn der Brasilianer im Team lange Fehlpässe spielt. Jemand soll ihm die Bedeutung von „wee“ im Schottischen erklären.

Ich kann auch mit ungewöhnlichen Wörtern angeben
Indisches Englisch hören wir nicht oft. Und die Phoneme sind für uns sehr gewöhnungsbedürftig.

http://de.wikipedia.org/wiki/Phonem

Also kämpfen wir etwas mit dem Verständnis. Man kann sich aber daran gewöhnen. Amerikanisch (zumindest gewisse Formen) ist uns nicht fremd. Dr House, gespielt von einem Engländer, gibt uns eine regelmäßige Spritze. Daher haben wir mit Obama and Friends selten Probleme. Aber wir haben natürlich allgemein weniger Übung mit Fremdsprachen.

Kommentare:

Victor Dewsbery hat gesagt…

Have a butcher's at that ad by JonnyM. Would you Adam 'n Eve it? (So much for Mr. Aller's suggestion that Brits can't handle dialect.)

Ich habe einen Link zu dieser Diskussion auf meinem Blog gepostet (http://language-mystery.blogspot.com/2010/11/still-building-babel.html)

Ich betrachte allerdings die Verwendung von Denglisch als interessantes sprachliches Phänomen. Ich nehme mir schon die Freiheit zu einem ästhetischen Urteil (They've made a real pig's ear of that slogan), aber ich betrachte solche Sprachpanschereien nicht als Affront gegen meine Gefühle oder meine Rechte an meiner Muttersprache.

Eulenbaum hat gesagt…

Following this ongoing debate with great interest. But please, keep King Kenny off the 'leish'. Not that it will help Liverpool's fortunes ...

Librarian hat gesagt…

Am I the only non-professional here interested in this ongoing debate?
Dun't matter. Thank you, Martin, for keeping us posted.

r.d.massat hat gesagt…

Wozu der unsinnige und exzessive Gebrauch von Anlizismen bzw. Wichtigtuerdenglisch führen kann, kann man sich in diesem Videobeitrag schmunzelnd ansehen: http://spottlight.ch/?page_id=98