Donnerstag, 20. Januar 2011

Was für ein Übersetzertyp bist du?

Im Laufe der letzten 25 Jahre habe ich drei sehr unterschiedliche Gattungen der Spezies „Übersetzer“ erlebt (Mischlinge und Mutanten gibt es natürlich auch):

Typ 1: Akribischer Sprachwissenschaftler
Anteil: Machen locker 85% der Profi-Übersetzer mit Uni-Abschluss aus.

Attribute: Sehr konzentriert; „geradeaus“ denkend; systematisch, oft introvertiert bis schüchtern

Stärken: Gründlich, aufmerksam, (meist) sehr produktiv; recherchieren gut und gern; reagieren positiv (wenn auch vielleicht empfindlich) auf Kundenwünsche; gut organisiert

Schwächen: Cannot always see the wood for the trees; oft zu wörtlich; bleiben manchmal im Detail stecken; manche stecken den Kopf in den Sand, wenn Probleme (sprachlicher oder sonstiger Art) auftauchen

Typ 2: Ungeduldiger Sprachkünstler
Anteil: Ist ganz klar eine Minderheit aber macht gern auf sich aufmerksam

Attribute: Lieben „schöne“ Sprache; extrovertiert, kommunikativ, offen

Stärken: Bringen sehr viel Energie und Kreativität auf; können Texte nicht nur übersetzen sondern auch verbessern oder selbst texten; sind proaktiv

Schwächen: Setzen sich manchmal über die Wünsche des Kunden hinweg; verlieren die Geduld bei Großprojekten oder „unattraktiven“ Aufgaben; konzentrieren sich so sehr auf die schöne Formulierung, dass die Aussage manchmal verloren geht.

Typ 3: Quereinsteiger (ein tolles Wort übrigens!)

Anteil: Nicht unbedingt die größte aber die variantenreichste Gattung. Viele tummeln sich etwas abseits vom Markt, in dem die anderen zwei Gruppen agieren (z.B. nur für ganz bestimmte Kunden oder Branchen).

Attribute: Sind i.d.R. keine geborenen Sprachler; manchmal unfreiwillig oder gar widerwillig im Beruf. Andere sind begeisterte Spätzünder: Sie finden in dem Beruf eine völlig neue Perspektive.

Stärken: Bringen oft unschlagbares Fachwissen mit; haben wichtige Erkenntnisse und Fähigkeiten aus anderen Bereichen; können sich oft gut mit dem Kunden (in affinen Bereichen) identifizieren und kommunizieren

Schwächen: Sprachgefühl läßt vielfach zu wünschen übrig; oft sind es „Fachidioten“ – in einem bestimmten Bereich glänzend, in anderen überfordert

Horses for courses [für jede Rennbahn das richtige Pferd einsetzen]
Jeder Übersetzerdeckel findet seinen sprachlichen Topf. Und oft erzielt man die besten Ergebnisse durch eine Kombination – zum Beispiel wenn ein Sprachkünstler eine Werbebroschüre übersetzt, aber durch einen Sprachwissenschaftler kontrolliert wird (auf solche Kombinationen setzen wir).

Don’t shoot the messenger
Ich bin gespannt auf die Reaktion. Jeder Übersetzer ist natürlich ein einzigartiger Mensch . Und jeder kann seine Stärken maximieren und seine Schwächen minimieren. Dennoch: Ich bin überzeugt, dass diese grobe Typologie stimmt.

Kommentare:

Librarian hat gesagt…

This could come in very handy - wenn ich den Job bei SDL kriege... morgen früh hab ich ein Telefon-Interview mit denen!

Victor Dewsbery hat gesagt…

Ich sehe mich als Mischung aus 1 und 2. Obwohl ich Deutsch als Studienfach hatte (als Fremdsprache) und mich inzwischen stark spezialisiert habe (Recht, Immobilien & verwandte Themen), spiele ich gern mit beiden Sprachen und denke gern quer. Ich habe sogar einen Schuss von deinem Typ 3, da ich erst spät zum Übersetzerberuf kam.

MCSquared hat gesagt…

Victor - a blend is best!

Burkhard Anderko hat gesagt…

Brilliant, Martin! Einziger kleiner Makel: Es fehlt noch Gruppe Nr. 4 :-)

MCSquared hat gesagt…

Hab auch überlegt, ob ich eine Gruppe 4 mache - aber mein Kommentar wäre sehr böse ausgefallen...

Was war deine Gruppe Nr. 4??