Sonntag, 4. September 2011

Texten und Übersetzen ohne Rücksprache?

Ich war recht ruhig in letzter Zeit, denn es gab viel zu tun – das Sommerloch fiel komplett ins Wasser (kann ein Loch ins Wasser fallen?). Und wir sind umgezogen – in wunderschöne Räume (der Hund und der Kickertisch durften auch mit):


Aber zurück zum Titel-Thema (cover story):
Am Donnerstag kam ein typischer Anruf von einer Werbeagentur:
Ob wir auf Englisch nicht nur übersetzen sondern auch texten könnten?
Ja, können wir.
Ob man den Texter auch persönlich kennenlernen und briefen könnte?
Nur zu! Wir begrüßen das ausdrücklich. 
Die Erleichterung am anderen Ende war spürbar: Sie sind der erste, der das sagt!


Wiener Würstchen? 
Neulich hatten wir auch eine Anfrage für ein großes Projekt aus Wien – von einem Übersetzungsbüro, dessen Webpräsenz englische Werbetexte anpreist. Aber das Büro sucht offensichtlich verzweifelt nach entsprechenden Kapazitäten. Auch hier hieß es: Kein direkter Kontakt zum Endkunden. Well, thanks, but no thanks.

Was ich festgestellt habe:
  • Die meisten Übersetzungen laufen über Büros, die direkte Kommunikation unterbinden wollen. Sie wollen möglichst große Aufträge gewinnen, verteilen und abrechnen – mit möglichst wenig eigener Wertschöpfung und möglichst wenig „Ärger“ (wozu Briefing und Rückfragen gehört)
  • Viele Büros haben in den letzten anderthalb Jahren den Textermarkt entdeckt (zumal der Preisdruck auf dem Übersetzermarkt immer größer wird) – besitzen aber weder die entsprechenden Ressourcen noch die Kompetenzen
  •  Viel schlimmer: Sie übertragen ihr vorhandenes Geschäftsmodell auf diesen Markt: Billige, schlecht ausgebildete und oft völlig ungeeignete Freiberufler sollen aus der Ferne die Aufträge stemmen
  •  Sie glauben, mit dem üblichen Konzept (damit werben, dass man alles kann – und nachher einen Freiberufler irgendwo herbekommen, der alles anonym verrichten soll) auch auf dem Textermarkt erfolgreich sein zu können. Stimmt nicht (auch wenn ähnliche Online-Modelle auch dort inzwischen existieren). Und stimmt auch auf dem Übersetzermarkt nur zum Teil.
  •  Sie glauben, dass Übersetzer ohne weiteres auch texten können. Stimmt überhaupt nicht. Viele Übersetzer formulieren leider sehr schlecht – und kapieren nicht, wie man an die Sache herangeht (Positionierung, Pain Points, Tonalität, Alleinstellungsmerkmale…)


Fazit:
 Übersetzen und erst recht texten ohne direkte Kommunikation zum Kunden ist zum Scheitern verurteilt – it is an accident waiting to happen.

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