Sonntag, 23. Oktober 2011

Permanent ist nicht permanent auf Englisch


Ich hätte eigentlich gedacht, dass es jedem Übersetzer klar sein müsste, dass permanent nicht permanent ist – aber man wird permanent überrascht.



Permanent auf Englisch ist ja „für immer“. Und nicht so sehr „immer wieder“ bzw. „die ganze Zeit“.


Dabei gibt es durchaus eine gewisse Schnittmenge. 


So mancher Konzern in Germany ist zum Beispiel stolz wie Oskar auf seine „permanente Innovation“. Und den Begriff „permanent innovation“ findet man auch auf Englisch. Aber für mich ist das a contradiction in terms bzw etwas anderes (ich will den Innovationsprozess dauerhaft machen). Und daher ist für mich ongoing innovation einiges logischer (und Google gibt mir Recht, wenn auch nur tendenziell).

Aber ongoing passt nicht immer. Manchmal funktioniert repeatedly oder gar always. Und bei permanenter Verbesserung gibt es einen feststehenden Begriff: continuous improvement. Und als Übersetzer strebe ich sie auch an.

Freitag, 14. Oktober 2011

Angebot auf Englisch


Angebot auf Englisch? Offer, oder? Nein, in 90% der Fälle eben NICHT.

Was viele Übersetzer – vor allem die, die mit der Geschäftswelt während des Studiums kaum Berührung hatten – nicht erkennen (können).

Klar, ein Sonderangebot ist ein special offer. Und wenn ich gerade mit einem gewieften Auto-Verkäufer über den Preis eines klapprigen Gebrauchtwagens verhandle, dann ist durchaus möglich, dass ich ihm (oder er mir) sage: make me an offer.

Aber ansonsten ist  offer fast immer falsch.

In der Geschäftswelt geht es beim Begriff „Angebot“ meist um eine Kalkulation (no, not calculation) – um einen Preis für eine bestimmte Dienstleistung oder Produkt.

Ein Handwerker, Übersetzer, selbst ein Anwalt, erstellt a quotation – meist auf quote abgekürzt.

Auf einem Online-Portal für Autoversicherungen gibt es sogar instant quotes.


Ebenfalls für Werkzeugmaschinen, Häuser oder Gasflaschen erstellt man quotes.

Ein (unverbindlicher) Kostenvoranschlag (KV) dagegen ist auf Englisch an estimate.

Geht es um ein größeren, komplexeren Auftrag, redet man gern von einem proposal - wobei der Begriff von Natur aus nicht unbedingt den Preis beinhaltet. Deswegen wird gelegentlich etwas präzisiert – man soll ein cost proposal oder auch costed proposal abgeben.

Steht man im Wettbewerb um ein richtig dickes Geschäft – zum Beispiel den Bau einer Ölraffinerie – dann wird fast immer a bid abgegeben. Wie so oft im Englischen ist jedoch das Verb oft dem Substantiv vorzuziehen – we were invited to bid for the oil refinery.

Die Briten reden gern in diesem Zusammenhang von tender (sowohl als Verb als auch als Substantiv – we tendered a bid / we submitted a tender).

Ein Angebot im Sinne von „unser Angebot an IT-Lösungen“? = offering, portfolio, vielleicht mal range oder einfach mal weglassen – our IT solutions.

Nicht zu vergessen wäre auch „Angebot und Nachfrage“ – supply and demand.

Und Ausschreibung auf Englisch? Kommt noch…

Mittwoch, 12. Oktober 2011

Serendipity and literacy


Serendipity ist ein leckeres Wort, dem ich durch die TV-Serie Dr. Who Mitte der 70iger das erste Mal begegnet bin. 

Es bedeutet eine „glückliche und unerwartete Entdeckung.“

A moment of serendipity hatte ich heute beim Übersetzen einer Pressemitteilung ins Deutsche. Ist zwar nicht our core competency aber hat sich so ergeben. Wir haben es in Zusammenarbeit mit dem genialen deutschen Texter Burkhard Anderko gestemmt. 

Es ging um Lernspiele (auf Englisch educational games), bei denen man media literacy erlangt. Da ging mir plötzlich ein Licht auf. Denn ich habe schon öfter „Medienkompetenz“ übersetzen müssen – und nie einen adäquaten englischen Ausdruck dingfest machen können.

Wikipedia gab mir Recht und Sicherheit (wobei ich in letzter Zeit einige Fehler bei wiki gesehen habe – zB ist ein „joint venture“ nie und nimmer ein „Konzern.“).

Besonders interessant – literacy als Übersetzung für Kompetenz. Es gibt auch verwandte Ausdrucke – computer literacy, multimedia literacy, technology literacy.



Übrigens: Im Zusammenhang haben wir media literacy nicht mit Medienkompetenz sondern wie folgt übersetzt: „Der richtige Umgang mit Medien“ (denn context is king!).

Sonntag, 9. Oktober 2011

Vier-Augen-Prinzip auf Englisch


Germans reden gern vom Vier-Augen-Prinzip.

Google gibt recht viele Hits für four-eyes principle her – but I smell a Teutonic rat – vor allem wegen dem “principle”. Ich habe den Ausdruck nie „im normalen Leben“ gelesen oder gehört.

Selbst die Erwähnung bei wiki und Freunden überzeugt mich nicht. Viele Hits sind Übersetzungen aus dem Deutschen – oder haben sonstige teutonische Wurzeln.

Four eyes are better than two” existiert zwar als Redewendung, ist aber nicht das Gleiche (da geht es in der Regel um die visuelle Aufdeckung von Fehlern, z.B. beim Lektorat).

Wenn wir four eyes (was ich vor allem als Schulhof-Beleidigung für Brillenträger kenne) wegen Beweismangel und Bauchschmerzen aussortieren, was dann?

Gefunden haben wir:

Dual control (vor allem in einem IT-Kontext oder in der Finanzwelt)



Aber auch (mit einem leichten Beigeschmack von Atomwaffen):

Two-man rule

Two-person rule (gemessen an Google-Hits schlägt man ganz klar person 3:1)

Ich denke aber, dass wir prinzipiell kein Prinzip daraus machen - und in vielen Fällen einfach den Ablauf beschreiben – etwa so:

Needs to be approved (verified, checked) by a second person.

Vier-Augen-Prinzip ist halt im Deutschen ein Begriff, den jeder kennt. Im Englischen ist die Sache etwas differenzierter – und diffuser.

Freitag, 7. Oktober 2011

Molch = pig not newt

Für Linde AG übersetzen wir gerade eine Mitarbeiterzeitschrift – ein leckerer Auftrag, denn man kann die Projekte gut einplanen und im Laufe der Zeit das notwendige Fachwissen auf- und ausbauen.

Dabei habe ich einen gewissen Vorteil: Ich habe früher bei Ruhrgas AG (inzwischen von EON geschluckt) gearbeitet. Und daher wusste ich, dass ein Molch nicht a newt sondern a pig ist.

Denn ein Molch in der Gasindustrie ist ein Gerät, das zu Mess- und Prüfzwecken durch die Leitungen geschickt wird. Auch in einem James-Bond-Film (The World is not Enough) kam ein pipeline pig vor. Wie wurde es übersetzt? Na klar. Als „Schwein“.

Hier der Pig Inventor:

Hier ein Bild und eine leicht verdauliche Beschreibung eines Molchs:

Mittwoch, 5. Oktober 2011

Rohstoffe - nein, nicht immer "raw materials"

Wie übersetzt man “Rohstoffe“ ins Englische?

Einfach, oder? Raw materials.

Erm, nein, nicht immer. Und, erm, nicht ganz so einfach.

Ein Gastronomiebetrieb bezieht seine Rohstoffe gern vor Ort? Das sind locally sourced ingredients.

Wird ein Rohstoff für einen industriellen Prozess eingesetzt (um irgendwas herzustellen), so wird das gern unter Fachleuten als feedstock bezeichnet.

Zum Beispiel:

The idea of using seaweed for ethanol is also being researched in Korea and the Philippines, as well as in Chile. One of the benefits to using seaweed as an ethanol feedstock is that it grows quickly and allows as much as six harvests per year.

Auch interessant – wir sprechen zwar auch von algae aber meist sind Algen für uns seaweed (vor allem, wenn wir es braten und anschließend essen – was ich sehr empfehlen kann).

Hier mehr dazu:

http://en.wikipedia.org/wiki/Seaweed

Wenn es um Rohstoffe geht, die in großen Mengen gehandelt werden (Öl, Kohle, Gold, Kaffeebohnen, Getriede) so sind das commodities. Und der Rohstoffmarkt ist logischerweise the commodities market – manchmal auch plural commodities markets.

Montag, 3. Oktober 2011

Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit - auf Englisch


Man würde denken: Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit ins Englische zu übersetzen wäre einfach. Pustekuchen. Nein, nix mit collaboration oder cooperation. Und erst recht nicht THE collaboration. Und auch nicht many thanks. Das ist die falsche Tonalität. Many thanks ist sehr salopp und extrem unverbindlich.

Thank you for your cooperation – das sagt man den Passagieren von British Rail, wenn sie die Treppe hinunterlaufen müssen, weil sie mit dem defekten Aufzug nicht mehr fahren können. Es ist quasi „vielen Dank für Ihr Verständnis (fürs Mitmachen)“.

Was sagt man dann?
Extrem flexibel einsetzbar ist thank you for your support. Auch gegenüber Kunden, Lieferanten, Geschäftspartnern und sogar Aktionären. 

Support ist dabei nicht mit dem deutschen Wort „Unterstützung“ gleichzusetzen. Es ist umfangreicher, vielseitiger.

Eine weitere Möglichkeit – vor allem bei Mitarbeitern und Lieferanten – wäre
thank you for your (positive, fantastic, exceptional) contribution (to our success, to another great year).

Ähnlich ist thank you for your (expert) advice and assistance.

Gegenüber Kunden kann man sich auch direkt für den Umsatz bedanken: thank you for your custom, thank you for your patronage – wobei ich beide etwas förmlich finde (vor allem letzteres). Und beide sind meist auf schwarz lackierten Tafeln vor tea shops oder in pubs zu finden.

Im direkten Dialog am Telefon könnte man so was sagen wir: thanks for all your help.

Auch hier gilt: Das ist das, was man in diesem Zusammenhang sagt - auch wenn es für deutsche Ohren sehr nach Katastrophenhilfe durch das Rote Kreuz klingt (was übrigens disaster aid wäre).

Ansonsten muss man extrem kontextspezifisch formulieren. Man sollte sich einfach überlegen: Bei wem und wofür bedanke ich mich hier eigentlich?

Bei meinen Angestellten am Ende eines langen aber erfolgreichen Jahres?
Thank you for all your hard work and dedication during (a highly / another) successful year.

Bei den anderen Teilnehmern an einem Projekt für die produktive Zusammenarbeit unter einander bzw. Teamgeist?
Thank you for a highly productive working relationship and positive team spirit.

Bei meinen treuen Kunden in einem schwierigen Geschäftsumfeld?
Thank you for your continued loyalty during these difficult times.

Weitere Vorschläge sind sehr willkommen. Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit.

Samstag, 1. Oktober 2011

Frust bei frustrierten Aufwendungen?

Wir sind neulich über den juristischen Begriff „Frustrierte Aufwendungen“ gestolpert. Mit der algorithmischen Hilfe von Google haben wir bei Linguee haufenweise “frustrated expenses” als englische Übersetzung gefunden.

Hmmm, I don’t think so. The blind leading the blind, if you ask me. Oder besser gesagt: Die Bequemen schreiben einfach bei den genauso Bequemen ab. Und basta.

Bei Leo und ähnlichen Online-Plattformen fanden wir gar nichts. Selbst bei Dietl und anderen teuren Nachschlagwerken kamen wir nicht weiter.

Was tun?
Erstens feststellen, was hinter dem deutschen Begriff steckt („Na klar“ würde man meinen – machen aber nur die Allerwenigsten).

Wir haben das umfangreiche und extrem gut geschriebene Rechtslexikon „Creifelds“ – kostet aber um die 50 EUR, und das wollen sich leider viele Übersetzer sparen.

Aber auch online wird man fündig:

Frustrierte Aufwendungen sind Aufwendungen, die im Hinblick auf die korrekte Durchführung eines Vertrages getätigt, aber bei dessen Scheitern sinnlos werden. Wurde beispielsweise bei einem Partyservice Essen bestellt, der aber nicht liefert, sind die trotzdem angefallenen Kosten für Raummiete und Blumendekor.“

Aha! Also bedeutet „frustriert“ in diesem Kontext eigentlich „verschwendet“ (in Erwartung einer Leistung).

Mit diesem Wissen kam meine australische Mitarbeiterin Lotta Ziegert (mit ihrem  juristischen Hintergrund) schnell auf den passenden englischen Begriff (bzw. Begriffe):

Reliance loss
Wasted expenditure
Wasted expenditure loss

Alle sind wasserdichte Lösungen – die man durch zuverlässige Definitionen belegen kann.

Zum Beispiel:
Reliance loss is also known as wasted expenditure loss and arises when the claimant has incurred out of pocket or wasted expenditure in preparation of or partial performance of the contract.

Passt also 100%.

Vorsicht allerdings bei expectation loss. Denn dazu gehören nicht die Aufwendungen, die man getätigt hat, sondern auch der entgangene Gewinn, den man eventuell erzielt hätte:


Es gibt im Englischen interessanterweise durchaus den juristischen Begriff frustration (thank you, Lotta!). Dieser Frust entsteht, wenn die Durchführung eines Vertrags durch äußere Umstände unmöglich gemacht wird:


Mein Frust bezieht sich auf die Bequemlichkeit der meisten Übersetzer. Ja, wir haben für die Recherche Zeit gebraucht – aber wir haben eine fachlich richtige Lösung, die von der Zielgruppe verstanden wird.


Und darum sollte es gehen, oder?