Sonntag, 4. Dezember 2011

Vorsicht: „in-house native speaker syndrome“

Warum immer wieder die Hamburger?

Eine Werbeagentur in der Hansestadt schickte uns letzte Woche as an afterthought deren Christmas Card zum Lektorat.

Es war eine mittlere Katastrophe (was vor allem in der IT-Welt disaster und nicht catastrophe heißt).

„Aber wir haben es doch intern von einer Amerikanerin übersetzen lassen.“
„Grafikerin?“
„Ja, Grafikerin – woher haben Sie das gewusst?“

Ach ja, in-house native speaker syndrome.

Nicht jeder native speaker kann übersetzen -  zum Übersetzen bedarf es Talent, Handwerk und Erfahrung. 

Und am besten rigoroser Kontrolle. Selbst nach zwei Jahren müssen sich unsere Jungen Wilden jede Zeile von mir überprüfen lassen. Die Armen.

Gerade Werbeagenturen, die es täglich mit den Nuancen der Sprache zu tun haben, müssten es besser wissen. Aber erstaunlich viele lassen die eigenen Grafiker ran (ich weiß nicht warum - aber es sind fast immer Grafiker. Aber ich mache denen keine Vorwürfe – sondern dem Auftraggeber).

Oder die Agentur-Chefs machen es gleich selber. Die boss-gebaute Überschrift war (wegen bevorstehenden Umzugs nach Bremen):

Last Christmas in Hamburg.

Ist doch völlig ok, oder? Wir kennen doch alle Last Christmas von Wham, oder?

Erm, da fehlt leider ein klitzekleines Wort. Our last Christmas in Hamburg ist richtig. Ohne our heißt es streng genommen: „Weihnachten letztes Jahr“.

Tja, was ein einziges Wort so ausmacht.

Das Ganze erinnert mich an eine ähnliche Geschichte mit einem großen Modeunternehmen, das die Weihnachtskarte vom Geschäftsführer übersetzen ließ (er lebte 5 Jahre in USA) – und in einer Auflage von 10.000 drucken ließ. Unter anderem hieß es a great jeans. Erm, das heißt a great PAIR of jeans. Nein, logisch ist das nicht. Aber Englisch. 

Die Karten wurden eingestampft. The cards were pulped

Übrigens: Demnächst sind wir auch in Hamburg vertreten!

Kommentare:

Librarian hat gesagt…

Oh jeeee, kann ich da nur sagen...! Und "DANKE" dass du mich an diesen entsetzlichen Heuler von Wham erinnert hast... den ich bisher dieses Jahr zum Glück noch in keinem Laden oder sonstwo habe hören müssen ;-) (Betonung liegt auf NOCH...)

Übrigens habe ich heute einen interessanten Artikel in der ZEIT gelesen. Es ging dabei um Burn Out, und unter anderem wurde darin erwähnt, dass dieser Begriff nur im Deutschen eine solche Verbreitung hat - vielen, auch Fachleuten aus dem psycho-medizinischen Bereich, im englischen Sprachraum ist er anscheinend, wenn überhaupt, nur im arbeitsmedizinischen Bereich bekannt.

Valerij Tomarenko hat gesagt…

Angesichts der Problematik mit "in-house native speakers" bekommt der Ausdruck "false friends" eine weitere Bedeutung. Meine Frage ist, wie argumentiert man, wenn so ein "Freund" die (gute) Übersetzung zum Korrekturlesen bekommt und - hell is paved with good intentions - noch ein paar Sachen verschlimmbessert, die der ursprüngliche Übersetzer anschließend zu kommentieren (widerlegen) oder einzupflegen hat? Eigentlich betrifft diese Frage auch die "notorious two-person rule"... Eben habe ich so einen Fall, bei dem ein "in-house native speaker" die Rolle eines "compliance officers" übernommen hat. Danke für die treffende Bezeichnung (Syndrom). Ich selbst übersetze ins Russische, da ist das Syndrom noch ein Syndrom, keine echte Plage (wie schnell sich die Symptome für die englischen Kollegen verbreiten, vermag ich mir nicht vorzustellen).

MCSquared hat gesagt…

Oh ja, das kenne ich. Eine einfache Antwort habe ich nicht darauf - nur viel Mitgefühl! Es geht, denke ich, im Grunde um Anerkennung, um Verständnis dafür, dass nicht jeder Muttersprachler ein Sprachler ist. In anderen Bereichen wird der "Fachmann" anerkannt - und wenn er die Fehler anderer korrigieren muss, dann darf er das auch in Rechnung stellen. Aber beim Übersetzen... ist das echt schwierig. Vielleicht hilft der Hinweis auf folgenden Blog-Beitrag, der viel Anklang fand:

http://false-friends.crellin.de/2009/09/kein-klempner-muss-das-aushalten.html

Sally Loren hat gesagt…

Meine eigenen Kinder sind zweisprachig aufgewachsen. Nun sind sie 21 und 19. Sie verfügen über eine riesigen Wortschatz, kennen eine Menge witziger Sprüche und Redewendungen, sagen aber immer noch (nach so vielen Jahren) "to do" statt "to make a mistake". Das ist es ja: keiner ist wirklich zweisprachig. Eine Sprache wird immer dominieren.

Und übrigens: mit der Aussage "hat X Jahre im Ausland gelebt" machen sich die Leute was vor (oder wie wir Engländer sagen "They're living in cloud cuckoo land"!) Fragt euch, wieviele Ausländer in Deutschland ihr kennt, die nach zigt Jahren immer noch ein miserables Deutsch sprechen. Ich kenne relativ viele. Das Leben in einem fremden Land ist kein Garant dafür, dass man nachher die Sprache fließen kann.

Die Nichtmuttersprachler, denen ich es zutrauen würde, deutsche Texte Korrekturzulesen kann ich auf den Fingern von einer Hand zählen.

Librarian hat gesagt…

Sally Loren spricht mir aus der Seele! Beides - Leute, die jahrelang in einem Land gelebt haben, dessen Sprache nicht ihre Muttersprache ist und die dann so RICHTIG fit in dieser Zweit-Sprache sind, ebenso wie Deutsch sprechende Nicht-Muttersprachler (leider auch Muttersprachler!), die ihre Sprache so gut beherrschen, dass man ihnen ein Korrektorat anvertrauen würde - sind Seltenheiten. Warum nur sehen das die Betreffenden nicht ein? Wir tun ihnen als Mensch doch keinen Abbruch, wenn wir diese eine Fähigkeit (meistens völlig zu Recht) bezweifeln...