Montag, 19. Mai 2014

Motiv / Anzeigenmotiv auf Englisch

Das Wort Motiv (oft als Motif falsch geschrieben) macht Übersetzern ganz schön zu schaffen. Was mir aber ein Rätsel ist. Denn es gibt durchaus gute Lösungen.

Wir begegnen diesem Begriff fast immer im Zusammenhang mit Werbung (Anzeigenmotiv zum Beispiel).

Als Übersetzung wird von den üblichen Verdächtigen fast immer motive oder motif vorgeschlagen. 

Falsch, falsch, falsch (für unseren Kontext).

Proz.com zum Beispiel: Advertisement motif. Igit.

Auch Leo versagt komplett (für Anzeigenmotiv gibt es gar keinen Eintrag).






Mord und Totschlag
Ein motive ist ein Beweggrund (the motive for the murder was an incredibly bad translation). Das passt aber in 99,999% der Fälle nicht. Wir haben es eher mit Bildern/Werbung/Marketing als mit Mord und Totschlag zu tun.

Den Begriff motif ist von der Bedeutung her nur eingeschränkt einsetzbar. Er beschreibt in erster Linie ein wiederkehrendes Thema (oder Leitmotiv) in der Literatur oder Musik. Auch ein recurring Bild (Muster) auf einer Krawatte kann so beschrieben werden.

Siehe hierzu:



Real life sieht anders aus
Aber in Regel ist motif völlig daneben. Schauen wir uns zwei real-life Beispiele an:

Beispiel 1:
Es wurde jeweils das gleiche Motiv unter zwei Bedingungen aufgenommen - mit offener Blende und mit relativ geschlossener Blende.

Mein Vorschlag: subject.

Beispiel 2:
Die Kampagne zur Förderung der Printwerbung arbeitet mit der Bildsprache erfolgreicher Marken und ihren Anzeigenmotiven.

Mein Vorschlag: visuals (ist der Fachbegriff für Anzeigenmotive), images würde auch funktionieren.





Und sonst?
In vielen Zusammenhängen könnte man ganz profan von pictures oder photographs sprechen. In manchen Texten ist allerdings nicht so sehr das Bild sondern ein Thema gemeint – dann passt natürlich theme besser (wobei Thema nicht immer mit theme zu übersetzen ist – but that’s another story).


Aber „motif/motive“ hält sich erstaunlich hartnäckig. Seufz.

Freitag, 16. Mai 2014

Was will uns der Autor damit sagen?

Die meisten Marketing-Profis achten bei Anzeigen in der eigenen Sprache höchst penibel auf klare Kommunikation, schöne Formulierung und grammatikalische Richtigkeit. Und das ist gut so. Denn alles andere ist imageschädigend. 

Wenn es um die Übersetzung in eine Fremdsprache geht, gilt aber manchmal (nicht immer) die Parole: Schnell, günstig und möglichst nah an der Struktur und Wortwahl des Originals. Und das ist schlecht so.

Ich habe schon erlebt, dass eine englischsprachige Anzeige (bei der die Schaltung locker 5 Mille gekostet hat) dem Kunden keine 50 EUR wert war („dann machen wir es eben intern“). 50 EUR? Das ist nicht mal eine Tankfüllung bzw. ein ordentlicher Einkauf beim Discounter. 



Das Ergebnis ist dann ungefähr so wie das hier (erschien bei The Independent heute vormittag):






Nein, ich weiß auch nicht, was der Autor damit sagen wollte. 

Montag, 12. Mai 2014

Faszination Sprache! Alle Dinge Fußball!


Freitag früh (der erste Kaffee dampfte noch) wurde ich von einem sehr sympathischen Kunden angerufen. Er wollte wissen, warum bei unserer Übersetzung von „Faszination Logistik“ das Wort „fascination“ weit und breit nicht zu finden war.


Coffee anyone? Monmouth Cafe serves the best in London!



The quick answer:


Es gibt eben bestimmte Konstruktionen, die selbst bei größter Anstrengung nicht in eine andere Sprache reingequetscht werden können (zumindest nicht ohne unerträgliche Native-Speaker-Schmerzen).

Das Begriffspaar „Faszination ABC“ gehört ganz klar dazu. Sie ist aber unter germanischen Marketing- und Werbeprofis sehr beliebt: Faszination Technik, Faszination Porsche, Faszination Werbung. Faszination Mundgeruch ... you get the picture.

The more complicated answer:


Der erste dicke Hund:
Die Konstruktion „Hauptwort (Haupt)wort“ ohne Verbindung über eine Präposition oder Verb ist typisch Deutsch. Stichwort Kunst. Hauptsache billig. Standort Deutschland. Diese Auslassung (der linguistische Fachbegriff auf Englisch ist „ellipsis“) von Satzelementen gibt es auf Englisch natürlich auch – aber weniger oft, glaube ich, und vor allem in anderer Form.

Der zweite fat dog:
Für Deutsche geht die Faszination (meist) vom Objekt der Begierde aus. Für uns befindet sich die Faszination (meist) im Hirn des Betrachters.

Beispiel: Martin’s fascination with all things football is borderline pathological (darauf kommen wir zurück).


Es gibt tatsächlich einen Blog mit diesem Namen



Eine Sache, ein Gegenstand, eine Marke kann fascinating sein. Aber nicht in der Regel eine „Faszination“ für den Betrachter „ausüben“. Man kann es schon hinbiegen – aber es ist dann hingebogen.

Also warum nicht irgendwas mit „fascinating“ oder „the fascination of“?

Jegliche Konstruktion mit „fascinating“ ist zum Scheitern verurteilt. Das Wort wirkt lahmarschig oder gar leicht ironisch. Ja, ich könnte sowas wie „The fascinating world of logistics“ oder auch „The fascination of Porsche“ basteln. Bei uneinsichtigen Kunden muss man das notfalls machen. Aber es bleibt fad und eventuell ironisch. Mein „ellipsis“ ist aber weg – und damit die Kürze und Würze auch.

What are we trying to achieve?
Zweck der deutschen Wortwahl ist eigentlich nicht „ABC ist faszinierend“ zum Ausdruck zu bringen sondern eine knackige Überschrift herzuzaubern.

Die Lösung ist also aus meiner Sicht: Eine ganz andere Headline.

Umgekehrt wird es vielleicht klarer.

Es gibt im Englischen auch die Konstruktion „Hauptwort Wort“ (ellipsis).

Zum Beispiel oben: „all things football“. Aber würdet ihr „alle Dinge Fußball“ als Überschrift in die Welt setzen wollen? Nein. Sie wäre völlig unnatürlich. Und jeglicher Versuch, den Ausdruck zu übersetzen (alle Dinge, die mit Fußball zu tun haben) wäre ein Griff ins … WC.

So geht es uns mit „Faszination Logistik“.

Fazit: Dem Kunden schonend beibringen, dass die Faszination nicht funktionieren wird. Das ist vor allem bei Werbern schwierig – die oft für sich zu Recht viel kreativen Freiraum beanspruchen aber uns Übersetzern ganz wenig gönnen. Aber ihr könnt ja auf meinen Blog verwiesen und mir die Schuld in die shoes schieben.


These are some shoes



Donnerstag, 8. Mai 2014

Stammtisch - und wie er NICHT übersetzt werden soll



Eigentlich sollte ich diesen Blog umbenennen – in sowas wie „Mein Kreuzzug gegen Leo“.

Mit dem Collins Dictionary in den 1980er Jahren kam ein großer Durchbruch und Umbruch – es wurde kontextabhängig erklärt und übersetzt. Und zwar professionell.

Gepaart mit dem Irrglauben vieler Kunden, alles selbst übersetzen zu können, sind Leo und ähnliche „Werkzeuge“ daher in vielen Fällen ein Salto rückwärts. Es geht kontextfrei und unprofessionell kreuz und quer. Aber leider glauben viele Kunden (und Übersetzer): Wenn es bei Leo steht, wird’s schon stimmen. Tut es aber eben nicht.


Have a nice weekend, Martin!
Vergangenes Wochenende (ja, auch weekend work wird immer “normaler”) durften wir zum Beispiel einen angeblich englischen Text überarbeiten, der von einer Premium-Marke der automobilen Welt stammt.

Auf einer Liste von Aktivitäten stand der Begriff “Regular’s table”. Die Deutschen unter euch werden das wohl sofort kapieren. Wir haben eine Weile gebraucht. Gemeint ist Stammtisch. Und die englische Übersetzung kommt vom gelben Monster:




Allerdings ist bei den Nobelkarossen der Apostroph verrutscht. Oder es gibt tatsächlich nur einen Stammgast, der leider ganz allein am Tisch sein Bierchen schlürft.


One, two, three 
Hier kommen einige Probleme geballt zusammen.

Erstens: Der Stammtisch in der Kneipe samt Schild, Glocke und eigenartiger Rituale ist sehr Germany-specific (und auch hier vom Aussterben bedroht). Regulars’ table ist zwar eine “Übersetzung” – aber sowas gibt es bei uns halt nicht (thank God). Keiner kann was mit dem Begriff anfangen.

Zweitens: Der Begriff “Stammtisch” wird in der Business-Welt fast ausschließlich für ein regelmäßiges
Treffen verwendet. Auf Englisch ist ein “regulars‘ table” ein Möbelstück mit vier Beinen – und kein Treffen.

Drittens: Leo liefert keinen Kontext, keine Zusatzinfos, keine Warnschüsse (höchstens in den Diskussionen).


Frust!! 
In solchen frustrierenden Fällen müssen wir erst rätseln und rückübersetzen (oder rückfragen), bevor wir mit der eigentlichen Arbeit loslegen können. Die “mitgelieferte Übersetzung” ist also nicht nur schlecht, sie ist ein Riesenhindernis, eine verschlüsselte Botschaft, Anti-Kommunikation.

Das Ganze kostet uns Zeit und vor allem Nerven. Leider wollen immer mehr Kunden selbst übersetzen oder noch schlimmer: Selbst gleich auf Englisch verfassen. Und wir sollen dann das Machwerk “geschwind überarbeiten” (und das auch noch am Wochenende).

DAS MACHT KEINEN SPASS.

Und das Ergebnis, selbst nach erfolgreicher Entschlüsselung, ist selten optimal.


Neckisch
Besonders neckisch finde ich die oft gestellte Frage: Was kostet die Überarbeitung eines vorhandenen englischen Textes pro Seite/Zeile? Gegenfrage: Was kostet denn die Reparatur eines kaputten Boliden? Naja, kommt auf den Schaden an... EBEN.


Und die Lösung, Mr Crellin?
Wie übersetzen wir Stammtisch? Wer sind die Teilnehmer, wie oft findet er statt, welche Form hat er? Je nach dem: weekly meeting, regular customer get-together, regular informal gathering… ja, nicht unbedingt so schön wie “Stammtisch” – aber es wird VERSTANDEN.


Roundtable vielleicht? 
Ja, roundtable ist auch ein Treffen – aber eher (wie im Deutschen) im Sinne von „ein Zusammenkommen politischer Kontrahenten“. 

Montag, 5. Mai 2014

Public Viewing (again)


Mein Dank an einen Kunden für den Hinweis, daß selbst FIFA jetzt von “Public Viewing” redet. Man kann wohl nichts besseres von einem Verein erwarten, der von Joseph Blatter angeführt wird.


Die gesamte Seite ist schlecht geschrieben. Und das Motto der WM:






Grammatikalisch und semantisch eine Katastrophe. Kann jemand das für mich ins Englische übersetzen? 

Übrigens: Bitte "heiße Rhythmen" NICHT mit "hot rhythms" übersetzen - das ist eure linguistische Erfindung und wir wollen sie nicht importieren.


Echte Engländer und Amis reden nach wie vor von big screen (events) und (wenn draußen) outdoor viewing. “Public viewing” gibt es bei uns in vielen Zusammenhängen – man denkt aber nicht automatisch an Fußball.













Ich stelle mir da immer folgendes Gespräch vor:

Beckenbauer: I am going to a public viewing.
Beckham: Wot? Really? Of an art exhibition? A corpse?
Beckenbauer: Football.
Beckham: But a footie match is always played in public, innit, unless you had a riot.


Bei meiner Recherche bin auf den schönen Begriff “Rudelgucken” gestoßen. Sehr griffig! Das wäre doch eine Alternative, oder?