Sonntag, 29. Juni 2014

Fernreisen und Resorts


Die hyperinflationäre Entwicklung bei selbstgebastelten „englischen“ Texten habe ich öfter erwähnt. Diese Woche gab es zum Glück bei einem neuen Kunden Einsicht (und Mitleid?): Es folgte eine gut geschriebene deutsche Vorlage. Die Kombination tat in der Gesamtwirkung sehr gut. So konnte ich einiges im Deutschen besser verstehen, da der Kunde es auf Englisch deutlicher ausgedrückt hat. Und natürlich umgekehrt.

Martin und seine ewige Skepsis
Es ging um Fernreisen – also ein Marktsegment innerhalb der Tourismusbranche. Long-distance travel stand beim Kunden. Und bei Collins online. Naaaa. Das glaube ich nicht. Ich gehe nicht ins Reisebüro und sage: I am interested in long-distance travel.

Es war ein ganz klarer Fall für fuzzy research – sprich: die indirekte Suche, Hintergrundrecherche, Stöbern in relevanten Medien (im Gegensatz zum risikoreichen Versuch per Google sich eine wörtliche Übersetzung einfach „bestätigen  zu lassen“).


Fuzzy research comes up trumps
Also trat ich den digital Weg zu Thomas Cook UK an. Die entsprechende Überschrift (Far and Away) war sehr flott - aber nicht der Fachbegriff.

Aber siehe da…



Jetzt doch zu Google. Long-haul holidays – hier liefert der Branchenprimus unter den Suchmaschinen über 30.000 sehr gute Hits. Aber 30.000? Long-haul allein bringt mich auf noch bessere, verwandte Begriffe: Long-haul destinations (eine Million Hits) und Long-haul tourism (72 Mille). Alle drei sind auf jeden Fall besser als "long-distance travel" (was viele Hits liefert - aber für einen ganz anderen Kontext).


Noch was!
Beim Besprechen des englischen Textes mit dem Kunden sind wir auf eine interessante sprachliche Nuance gestoßen: Ein „Resort“ ist für Germanen eine Anlage. Für uns Anglos ist ein Resort in erster Linie ein Ort, eine Stadt – und in zweiter Linie eine Anlage.

Siehe die Definitionen von Wikipedia:

A resort is a place used for relaxation or recreation, attracting visitors for vacations and/or tourism. Resorts are places, towns or sometimes commercial establishment (sic) operated by a single company.

Ein Resort ist eine touristische Hotelanlage mit einem über den reinen Beherbergungsbetrieb hinausgehenden Angebot. 


Und hier Thomas Cook wieder:



Mittwoch, 4. Juni 2014

Business case ist kein Geschäftsmodell


Linguistic wisdom?
Ich bin seit gestern einen widerspenstigen Weisheitszahn (heißt tatsächlich wisdom tooth auf Englisch) los, und sitze zuhause mit zwei Hunden, einigen Schmerzmitteln und viel Suppe. Ich bin zwar noch per Email und Skype mit dem Büro verbunden, aber es bleibt etwas mehr Zeit als sonst für den Blog. Also auf die Plätze, fertig, los! (ready, steady, go!):


Business case
Der Begriff Business Case wird sehr gern in deutschen Journalen verwendet. Aber oft falsch. Ein Business Case ist eine Argumentation, eine betriebswirtschaftliche Begründung (zB für eine Investition) – oft in Form eines Dokuments zusammengefasst. Es ist keine Fallstudie, und kein Geschäftsmodell.

Martin schont seine Kunden??? Seit wann?
Um meine Kunden zu schonen, habe ich dieses hübsche Beispiel für die Falschübersetzung/Falschverwendung bei "Computerwoche" von einem Mr Hagen Bauer geklaut:



Hier eine saubere Definition von Business Case:

Hier ein real-life example:


Hier ein Link zum geklauten Beitrag:


I rest my case.  Nein, das heißt nicht "ich setze meinen Koffer ab" - sondern damit ruht die Beweisführung für die Anklage. Sprich: Mehr muß ich nicht sagen, oder?

Denn "case" heißt eben (auch) Begründung.  

Sonntag, 1. Juni 2014

Im hohen zweistelligen Millionenbereich – translate!

Uns Engländern wird oft unterstellt, wir würden um den heißen Brei reden. Es stimmt. Aber wenn es um Vertragsvolumen geht (bitte contract value nicht contract volume), werden die Deutschen auch plötzlich sehr vage.

Ein Deal im hohen zweistelligen Millionenbereich.
Eine Akquisition im mittleren dreistelligen Milliardenbereich.
Ein Vertrag im niedrigen einstelligen Millionenbereich.

Naja, das sind Summen, die wir Übersetzer nur aus Erzählung kennen. Aber egal. Wir müssen den Ausdruck öfter mal in die eigene Sprache übertragen. Aber wie?

Wir zählen die ganzen Nulls (und die Zahlen davor). Alle? Ja, alle. Ist blöd. Aber es ist halt so.

In the high eight figures.
In the mid twelve figures.
In the low seven figures.

Eine kompaktere Verbindung mit „million“ haben wir eben nicht. Sorry.

Hier ein Beispiel:






Da muss man also ziemlich genau nachzählen.  Deswegen geben wir die Zählerei jenseits der Millionengrenze in der Regel auf – und reden einfach von einem „multi-million deal“.




Damit habe ich es wieder mal geschafft, den Bogen zum Fußball zu spannen. Sogar zum FC Liverpool. Tja.



Und denkt bitte daran: Milliarde ist bei uns a billion. Eure Billion ist bei uns a trillion. Und wir kürzen die Million auf m oder mn – nicht auf „Mio.“ ab.