Freitag, 25. Dezember 2015

Datenhoheit und The Queen


Datenschutz ist nicht nur in Deutschland ein großes und brenzliges Thema – mit vielen ganz eigenen Begriffen.

Zum Beispiel Datensouveränität – manchmal auch Datenhoheit genannt. Gemeint ist die Kontrolle über (die eigenen) Daten. Und so sollte man ihn auch übersetzen: control over your own data. Er wird aber leider sehr oft als data sovereignty wiedergegeben. Ja, dieses Wort gibt es. Ich habe es diese Woche auf BBC Radio 4 gehört.



James Naughtie hatte diese Woche nach 21 Jahren seinen letzten Auftritt bei der Sendung "Today" auf BBC Radio 4. Er hat einmal im Interview mit dem Kulturminister Jeremy Hunt versehentlich den ersten Buchstaben seines Nachnamens durch "C" ersetzt - und damit ging ihm das schlimmste Schimpfwort der englischen Sprache über die Lippen. Ich habe es live miterlebt.




Aber es geht um was anderes – es geht nämlich darum, welche Gesetzgebung (welchen Landes) beim Datenschutz zugrunde liegt.

Hier ein Auschnitt aus einem Position Paper zu data sovereignty:

Of particular interest is establishing data location at a granularity sufficient for placing it within the borders of a particular nation-state. We call this notion data sovereignty

Und hier ein paar relevante Quellen:



Überhaupt – sovereignty hat im Englischen fast immer mit der Souveränität eines Landes zu tun. Im Deutschen wird Hoheit – und erst recht Souveränität – viel “breiter” eingesetzt. Also Vorsicht!

Ein souveräner Sieg? A confident victory. A comfortable win. Ein souveräner Auftritt? An assured (oder self-assured) performance. A confident performance.


Und wisst ihr was our sovereign heißt? Yes, the Queen. Und sie hat wie immer am ersten Weihnachtstag heute um 15 Uhr eine Rede gehalten.


Martin versteht sich nicht als "Loyal Subject"

Hier die Rede:

http://www.bbc.com/news/uk-35177022



Sonntag, 13. Dezember 2015

Home-Office


Ich mache morgen Home-Office. Auf Englisch? I’ll be working from home tomorrow (and wearing my jim-jams – wobei jim-jams sehr britisch ist.).

Heh, es gibt sogar ein Skype-Emoticon, das “working from home” heißt:



Klar, es gibt den Begriff home office auf Englisch. Aber wie so oft, gehen wir etwas anders mit ihm um. Denn für uns ist ein Home Office ein Ort, ein Zimmer, wenigstens eine Ecke mit Schreibtisch. Es ist nicht irgendwas, was ich “mache”. Und obwohl man durchaus von home office workers” (130 Mille ordentliche Google-Treffer) reden kann, so gibt es doch interessantere Lösungen für Home-Office-Mitarbeiter.

Und sie wären?

Teleworkers (180 Mille), telecommuters (290 thousand), remote workers (460k), remote employees (230.000). Selbst work-from-home employees schneidet besser ab (190,000).

Also wie immer – nicht nur runterrotzen (ein etwas ordinärer aber prima Ausdruck) sondern KRITISCH NACHDENKEN und RECHERCHIEREN. Auch wenn das in der heutigen Memory-Software-Welt und bei oligopolistischen Quantity-over-Quality-Marktstrukturen leider nicht gerade gewinnbringend ist. Die linguistische Seele will auch gepflegt werden, oder? Translators, soothe your soul!

BTW: Natürlich könnte man jetzt behaupten, ein remote worker ist nicht unbedingt zu Hause (bei Steuer-Sünder-Starbucks gibt es auch WLAN) – aber fast immer geht es um das gleiche Thema. Let’s not split hairs (wenigstens bei DER Redewendung sind sich die Germans, Brits and Yanks einig).

Hier ein Artikel, in dem fast alle Möglichkeiten vorkommen.


Freitag, 4. Dezember 2015

Industrie 4.0

Aktualisiert am 22. März 2017

Es gibt Begriffe, die stellen uns translators vor komplizierte Aufgaben, die über das rein Sprachliche hinausgehen. Dazu gehört Industrie 4.0. Von der Bundesregierung wird es (na klar) als Industry 4.0 übersetzt. Wo liegt denn das Problem, fragt vielleicht manch einer.

Das ganz kleine Problem: Die Deutschen sagen oft Industrie und meinen eigentlich manufacturing. Auch bei Industrie 4.0 liegt der Fokus auf dem verarbeitenden Gewerbe. Aber nicht nur – deswegen lassen wir das mal durchgehen.

Das mittelgroße Problem: Industrie 4.0 ist in Deutschland sehr bekannt. Fast jeder (in der Wirtschaft/Technik) kann sich darunter was vorstellen. In der englischsprachigen Welt ist es relativ unbekannt. Noch vor einem Jahr hätte ich gesagt: Nehmt "Industry 4.0" nur für Initiative mit diesem Namen - nicht für "The fourth industrial revolution."





A set of magnificent eyebrows, care of Sir Bernard Ingham (who has, according to our sources, never heard of Industrie 4.0)



Aber langsam ist der Begriff auch im Englischen im Kommen - zuletzt in The Economist gesehen. Trotzdem ist Vorsicht angesagt - denn die meisten Leser werden es nicht ohne Erklärung verstehen.


Here comes a solution of sorts

Also: Ist die Initiative der Bundesregierung gemeint? Dann macht es doch wie The Economist:



Der Zusatz / Erklärung (a government initiative to promote the computerization of manufacturing) ist das Wichtigste – wobei computerization etwas altmodisch schmeckt. Und Industry mit Y würde auch funktionieren.

Geht es allgemein um die Digitalisierung von Produktionsabläufen/M2M? Dann würde ich als Oberbegriff The Industrial Internet of Things (oder einfach the Industrial Internet) vorschlagen. Das trifft es ziemlich genau.


Wollt ihr das allgemeiner halten? Dann vielleicht the fourth industrial revolution. Oder schlicht digitization (bitte nicht digitalization – auch wenn Gartner das als Begriff gern durchsetzen möchte).

Man könnte auch gelegentlich Industry 4.0 nehmen - aber bitte spärlich einsetzen. Lieber zwei Mal fourth industrial revolution und vielleicht ein Mal Industry 4.0 - und bitte ohne Anführungszeichen. Die nutzen wir seltener als The Germans und etwas anders.