Montag, 28. März 2016

You're joking, right?

Es gibt leider immer mehr Kunden, die der festen Meinung sind, sie können so gut Englisch, dass sie uns nur „zum Drüberschauen“ brauchen, und uns daher (wenn überhaupt) erst sehr spät einschalten – selbst bei Anzeigen, Produktnamen oder Claims.

Aber unser CD war ein Jahr in Kalifornien?
Klar, viele können „recht gut“ Englisch – aber zwischen „recht gut“ und „richtig gut“ liegen Welten.  Vor allem, weil es in der Werbesprache um (emotionale) Assoziationen, kulturelle Empfindlichkeiten und Nuancen geht.

Schmerz lass nach.
Irgendwann werde ich ausführlich zu diesem schmerzhaften Thema Stellung nehmen. Aber schauen wir uns einfach ein kleines aber aufschlussreiches Beispiel an.

Das Wort „Joker“.




Bei diesem Teaser denkt ein Engländer was ganz anderes als ein German.

You’re joking, right?
Ein mittelgroßes Software-Unternehmen  wollte neulich ein neues Produkt innerhalb eines bestehenden Portfolios auf diesen angeblich englischen Namen taufen. Und das machte mich etwas stutzig (more below).

First things first: Was bedeutet „Joker“ auf Deutsch? Die Duden-Definition ist extrem dürftig – es geht nur um die Spielkarte. Mich interessierte dagegen die Bedeutung im übertragenen Sinne. Ich wurde aber auch sonst nicht wirklich fündig (auch Wiktionary und Langenscheidt versagen komplett). Also schnappte ich mir einen waschechten halbwegs gebildeten Deutschen (sorry, Hendrik) und nahm ihn durch die Sprachmangel.


Das ist von Langenscheidt. Ist nicht besonders gescheit.


Fazit: Ein Produkt, das als „Joker“ bezeichnet wird, ist außergewöhnlich, etwas besonderes. Die Bezeichnung ist positiv belegt (Feedback von weiteren halbwegs gebildeten Deutschen an dieser Stelle willkommen).

Auf Englisch ganz und gar nicht. Ein Joker ist für uns eine Lachnummer, ein nerviger Blödmann. Siehe hierzu folgende (etwas deftige) Definition:




Die obige Überschrift im erstaunlich flott und kritisch geschriebenen Bordmagazin (Business Life) von British Airways findet also folgerichtig diese Auflösung:



Big bang theory
Und das ist nur ein klitzekleines Beispiel – fast immer, wenn sich „Ausländer“ englische Namen/Claims ausdenken, begeben sie sich singend und tanzend auf ein Minenfeld – auf dem selbst Muttersprachler schnell daneben treten. Unsere undankbare Rolle beschränkt sich fast immer darauf, späte und lästige Warnungen auszusprechen – die dann erstaunlich oft in den Wind geschlagen werden. 




Den tödlichen Knall hören wir dann nicht mehr – das Unternehmen/die Agentur (es sind meist Werbeagenturen) wahrscheinlich auch nicht. Denn die Zielgruppe in England, USA oder wo auch immer wird sich wohl kaum zu Wort melden. Aber sich seine negative Meinung bilden.


Siehe auch:

http://false-friends.crellin.de/2009/04/wir-sind-die-ewigen-neinsager.html


Und.... mein Lieblingsbeitrag überhaupt:

http://false-friends.crellin.de/2009/09/kein-klempner-muss-das-aushalten.html


Oder auch das....


http://false-friends.crellin.de/2009/12/crap-claim-collection.html


Ok, nur noch eins, dann höre ich auf:

http://false-friends.crellin.de/2008/08/wenn-deutsche-werbeagenturen-sich.html

1 Kommentar:

Librarian hat gesagt…

Als halbwegs gebildete Deutsche füge ich gerne noch etwas zur Joker-Beschreibung hinzu: Fast schon eine Art Geheimwaffe, etwas/jemand, das/der dann heran gezogen (aus dem Ärmel gezogen = Spielkarten-Assoziation) werden kann, wenn andere Mittel versagt haben oder ungeeignet sind, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.

Gutes Beispiel im deutschen Fernsehen: Der Telefon-Joker in "Wer wird Millionär?". Der Quiz-Kandidat muss sich im Voraus auf eine Person festlegen, die er ein einziges Mal im Lauf des Spiels anrufen kann, um eine besonders schwierige Frage zu beantworten.
Der Kandidat wählt natürlich eine Person aus seinem Umfeld, der er zutraut, viel zu wissen und schnell und klug reagieren zu können. Der Telefon-Joker ist quasi die "Geheimwaffe", mit der das Problem gelöst werden kann, wenn der Kandidat nicht weiter weiß und andere Möglichkeiten im Spiel nicht mehr eingesetzt werden können.