Freitag, 24. Juni 2016

Brexit – meine persönliche Perspektive

Bin gestern Abend mit der Nachricht eingeschlafen, „Remain“ liegt 10 Prozentpunkte vorne. Alles gut – sweet dreams! Heute Morgen um 6 Uhr habe ich im Halbschlaf gelesen: „Leave“ hat gewonnen. Shit. Danach habe ich laufend SMS, WhatsApp und Emails bekommen – vor allem von Landsleuten, die das nicht für möglich gehalten haben.


The Economist gehört zu den wenigen Medien, die immer noch richtig informieren


Es ist für mich ein finanzieller, geschäftsmäßiger und persönlicher Tiefschlag. Das ganze Team im Büro ist geschockt, wie gelähmt – die Stimmung wie nach einem plötzlichen Todesfall in der Familie.

Es haben vorwiegend Männer, Arbeiter, ländliche Gegenden und Ältere für den Austritt gestimmt. England sowieso - aber auch Wales (hätte ich nicht gedacht). Ich durfte nicht mitwählen. Wer mehr als 15 Jahre außerhalb von the UK lebt, hat (thanks, Margaret Thatcher) kein Stimmrecht mehr. Bei Parlamentswahlen kann ich das noch nachvollziehen. Aber hier ging es auch um meine Zukunft – und um die von mehr als 1,5 Millionen Briten, die in anderen EU-Ländern wohnen (in Germany sind es etwa 100.000).


Leider sind aber nur etwa 35% der unter 24-Jährigen wählen gegangen


Ich habe von der EU sehr profitiert. Und auch wenn ich um die Mängel weiß (ich sollte mal für eine kleine EU-Einheit eine 100-seitige „Broschüre“ schreiben – erm, es reichen auch fünf Seiten?), so weiß ich um die Vorteile.

Haupthema der „Debatte“ (Schlammschlacht) war Einwanderung. Einwanderung ist natürlich für manche „bedrohlich“, vielleicht in Einzelfällen eine echte Belastung – aber es ist auch was Positives, vor allem für ein Land wie das Vereinigte Königreich, das (genau wie Deutschland) an Überalterung leidet.

Ich bin Einwanderer. Meine Mitarbeiter auch. Freedom of movement works two ways. And I like it.

Wenn wir den europäischen Binnenmarkt weiterhin bedienen wollen (60 % unserer Exporte gehen laut BBC dorthin - laut ARD "nur" 45%), so werden wir wohl Personenfreizügigkeit (was für ein Wort!) weiterhin akzeptieren müssen.

Außerdem (in UK ganz vergessen): Die „große Einwanderungswelle“ (erm, etwa 0,5% der Gesamtbevölkerung im Jahr) hat mit der EU-Erweiterung 2004 eingesetzt – die vor allem von der UK forciert wurde, um die Macht der Kernländer (und deren Integrationsbestrebungen) zu verwässern. Und wir haben - im Gegensatz zu den sonstigen EU-Nationen kein Moratorium gegen die Einwanderung aus den neuen Mitgliedersländern verhängt.

Die Einwanderung und die EU wurden jahrelang zum Sündenbock gemacht – für Wohnungsmangel, lahmende Wirtschaft, niedrige Löhne, schlechte Infrastruktur. Was die Zeitungen (und UKIP) manchmal aufgetischt haben, war nicht mehr feierlich: Halbwahrheiten, Lügen, Polemik.


Erm, das sind keine EU-Bürger... und sie versuchen gerade einem Bürgerkrieg zu entkommen - würde ich auch


Es werden wohl jetzt noch weniger junge Leute Deutsch studieren (dabei hat sich die Zahl der Uni-Absolventen in den letzten 10 Jahren schon halbiert – thanks, Tony Blair, der Fremdsprachen als Pflichtfach abschaffte).

Stichwort Vereinigtes Königreich: Schottland wird wohl bald aus der United Kingdom aussteigen – um bei der EU wieder einzusteigen. Oh Gott, liebe Schotten, lasst uns nicht allein. Auch wenn ich vieles an meiner Heimat liebe – viele (nicht alle) Engländer (eher Engländer als Briten) können sehr konservativ, engstirnig und kleinkariert sein. Inselaffen halt. Ich will nicht aus Little England sein. Ich will aus the United Kingdom sein.

Unsere beiden Americans hatten gleichzeitig denselben trüben Gedanken: Trump könnte tatsächlich gewinnen. I hope not.

Ich werde die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. Aber nur wenn ich meine Britische (Kleinenglische) nicht aufgeben muss. Als EU-Bürger geht das... aber bin ich das noch?

Was passiert jetzt mit anderen Ländern und deren EU-feindlichen Parteien? Was passiert mit der europäischen (und britischen) Wirtschaft?




Ich bin tief traurig und habe ehrlich gesagt etwas Angst.

Wie sagte Asterix so schön? Die spinnen doch die Briten!



Look behind you!!!



Samstag, 18. Juni 2016

Ein moralisches Dilemma

Unser Büro ist recht football mad. Daher sah die Anfrage recht lecker aus. Textelemente für eine Website werbewirksam übersetzen, die Merchandising-Artikel für eine führende Mannschaft in der Premier-League verkauft (warum eine deutsche Firma dahinter steckt, kann ich euch nicht sagen – vielleicht wurde die Auftragsvergabe per Elfmeterschießen entschieden).


Sag mal, ist das ein Blog über Sprache oder Fussball?

Für mich war es aber ein ein moralisches Dilemma. Ich bin FC-Liverpool-Fan (ihr habt es vielleicht schon mitbekommen). Und obwohl ich in der Londoner U-Bahn schon mal von Chelsea-Hooligans krankenhausreif geschlagen worden bin, gibt es ein Team, das für einen Red wie mich noch schlimmer ist.

No, no, says it's no so!
Ja, meine Lieben, ich muß gestehen: Ich arbeite für Manchester United. Oh Gott, wie tief bin gesunken. Zum Glück können meine Verwandten (bis auf meine Schwester) kein Deutsch – und lesen meinen Blog nicht.




Sky-Moderatoren aufgepasst: Die Liverpooler sind die Reds. Nicht Man U. Das sind die Red Devils. Und wir sagen nicht die English selection - das klingt nach einer Schachtel Pralinen


Gary Lineker in his undies?
Ihr kennt sicherlich den Spruch: Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball hinterher und am Ende gewinnen immer die Deutschen (Football is a simple game; 22 men chase a ball for 90 minutes, and at the end the Germans always win.) Stammt von Gary Lineker – ehemaligem England-Stürmer und jetzt TV-Moderator. Als Leicester-Fan muss er nun sein Versprechen einlösen, bei einem Titelgewinn der Foxes die nächste Sendung in seiner Unterwäsche zu präsentieren... ich bin gespannt.

Sonntag, 5. Juni 2016

Grannies in free flow...

Stammgäste dieses Blogs werden es wissen: Martin is a believer in fuzzy research. Das heißt? Sich in das Thema einlesen.

Linear versus fuzzy (circular) research

Die meisten Übersetzer begegnen einem bestimmten Wort in einem bestimmten Zusammenhang und suchen nach einer einfachen Lösung, die ebenfalls (bitteschön) möglichst ein einziges Wort sein soll. Und das ganz, ganz schnell. Ganz linear. Sie geben ein paar „das-könnte-es-sein“ Wörter in Google ein oder besuchen die üblichen Verdächtigen.

Have you noticed how much Martin hates Leo?

Es ist nicht nur schlecht, es ist auch häßlich!!!!

Ist schön und gut. Mache ich gelegentlich auch. Aber es ist ratsam, das Gesamtthema anzuschauen, zu recherchieren, zu stöbern, sich Zeit zu nehmen. Ein Artikel bei The Telegraph oder The BBC ist durchaus empfehlenswert. Aber besser ist ein deep dive (eine sehr ausführliche Behandlung des Themas) – zum Beispiel ein white paper, oder ein Forschungsbericht. Am besten mehrere. Und bitte nicht von Bosch oder Daimler. Auch nicht von der EU. Sondern Ford, Chrysler, the UK government, the US government, the Australian government.


Martin, could you get to the point?

Wir übersetzen sehr viel im Bereich Maut / Mauterhebung. Heißt doch toll / toll collection, oder?
Jeeeeeeiiiin.

Kann man schon sagen. Aber es gibt auch tolling. Und ganz modern: road pricing oder road charging. Oder in den großen Städten congestion charging.

Road pricing fehlt komplett. Street charges - sehr verdächtig. Keine Infos zum Zusammenhang / Quelle / Qualität. Besonders lustig: Die vielen Hinweise zum "Fachgebiet" Und, lieber Leo, New York erwägt auch congestion pricing (charging) - ist aber, glaube ich, nicht in Großbritannien

Mehr noch. Ohne fuzzy research würde ich nicht wissen, dass ein barrierefreies Mautsystem meist a free-flow system genannt wird (barrier-free findet man auch – aber recht selten in diesem Zusammenhang, eher eliminating/doing without the need for barriers oder Ähnliches).

Free-flow ist auch ein extrem interessantes Beispiel für das Phänomen: Wir haben einen Ausdruck dafür – sehen (und beschreiben) die Sache aber aus einer ganz anderen Perspektive.

Vor allem dank fuzzy research verstehe ich etwas von den Zielen und Technologien – und wie das meist ausgedrückt wird (manchmal sind es dann einzelne Wörter aber gelegentlich komplette Formulierungen, auf die man sonst NIE und NIMMER kommen würde).

Abrechnung? Charging. Not billing. Mautbrücken? Das Ding, was über der Straße steht, und die Lkws kontrolliert? No, keine bridges, sondern gantries. Mauthäuschen sind toll booths aber das ganze Areal kann man a toll plaza nennen. Verursacherprinzip – etwas kontextabhängig, aber according to actual road usage (and/or emissions).

In 90% der Fälle ist das FALSCH. Danke für die Mehrzahl - macht das Ganze richtig wissenschaftlich

Vor allem: Wenn man dieses Wissen hat (und mit dem Kunden auch redet – ja, ja, ihr wollt das nicht, weiß ich, aber es ist wirklich sinnvoll), kann man ganz anders mit kniffligen deutschen Sätzen umgehen. Man weiß dann, worauf der Autor eigentlich hinaus will.

Take a look:
  • Verursachergerechte und effiziente Erhebung von Mautgebühren
  • Kein Aufbau von Infrastruktur an den Straßen notwendig 
  • Efficient tolling in line with actual road usage and emissions
  • No need for booths or other barriers – free-flow solution


Before you start moaning...

In einem Altersheim ist barrierefrei natürlich barrier-free (free-flow wäre aber auch eine Alternative...stellt euch vor: Omis fahren mit ihren Elektro-Rollstühlen mit 100 Sachen durch die Gegend).

Granny in free flow

A toll bridge gibt es natürlich – aber das ist eine Brücke, für deren Benutzung man eine Maut zahlen muss. Nicht das hier:

Google liefert viele Hits für toll bridge - aber das hier ist a gantry!

Verursacherprinzip / verursachergerecht – kann in einem anderen Zusammenhang polluter pays principle sein. 

Aber das bestätigt nur: Fuzzy research rules! And context is everything.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Grafiker und Übersetzer


[Hinweis: Das ist eine leicht überarbeitete Version eines Beitrags aus dem Jahr 2010, den ich aus aktuellem Anlass “wiederentdeckt” habe!]

Übersetzer und Grafiker arbeiten in denselben Sphären des Marketings und der Werbung – aber doch oft irgendwie aneinander vorbei. Der eine schreibt die Texte, der andere setzt sie. Der eine denkt an die Worte, der andere denkt an die Bilder. Der eine beherzigt die englischen Gepflogenheiten in der Welt des gedruckten Wortes, der andere hat die deutschen Layout- und Trennungsregeln im Kopf.

Die sechs häufigsten Reibungspunkte:

Gar keine Korrektur des gesetzten Textes. Das Lektorat kann alle Beteiligten vor peinlichen Flüchtigkeitsfehlern schützen. Trotzdem wird diese Überprüfung oft (aus)gespart. Warum? Keine Zeit, keine Lust, kein Gespür für die Notwendigkeit. Und das, obwohl es kaum eine Broschüre oder Anzeige gibt, bei der wir keinen hässlichen Hammer-Horror finden.
Denn: Twixt cup and lip is many a slip.

Anführungszeichen. Sowas Banales? Ja. Denn sie werden bei uns IMMER oben gesetzt. NIE unten. Und das dicke Ende ist vorne unten und hinten oben (wir sagen “66 and 99” dazu). Die deutsche Version ist für uns genau so fremd und befremdlich wie für euch das auf-den-Kopf-gestellte und nach-vorne-gesetzte Fragezeichen der Spanier. Germanische Anführungszeichen sind jedoch regelmäßig bei übersetzten Hochglanzbroschüren und Websites zu finden. Der Übersetzer kann wenig dafür. Übrigens: Auch Apostrophe sind bei uns anders.



So sehen Anführungszeichen aus - auf Englisch


Kommas statt Punkten und umgekehrt. Wenn die deutsche Wirtschaft erfreulicherweise um 1,5 % wächst, so ist das auf Englisch 1.5 % (one point five per cent – oder in den USA – percent). Wenn uns eine Werbeagentur beim Pleitegehen (passiert erstaunlich oft) um 3.000 EUR bringt, so sind das 3,000 euros (mit Komma und klein E bei euros) die uns durch die Lappen gehen. Da werden wir Übersetzer häufig von Grafikern „korrigiert“ - da stellen wir fest: Gut ist das Gegenteil von gut gemeint.

Headlines. Fließtext (body copy) wird meist reinkopiert. Da geht nicht viel schief. Headlines kopieren? Das kann man oder frau ja schnell reintippen. Und dabei passieren die dollsten Dinge. Auf einmal steht To Crap It All und nicht wie bei uns To Cap It All. Das ist wirklich merde. Deswegen achte ich beim Lektorat akribisch auf die Überschriften (die man sonst bei der Überprüfung eher vernachlässigt – man ist irgendwie auf den Fließtext fixiert).


Apostroph-Katastroph


Fein(d)justiering der Schrubbwüste.  Wir sind öfter bei der Schreibweise vurbusssart worden. Aus Lisbon ist dann Lissabon geworden, aus Resources werden dann Ressources, und besonders beliebt: an SAP solution entpuppt sich plötzlich als a SAP solution. Denn viele Grafiker verbessern freundlicherweise unsere “orthografischen Fehler”. An dieser Stelle: Dank jou.


So ist es richtig!!!




Trennungen. Nicht so wichtig? Naja. Englische Texte, die stringent nach deutschen Regeln getrennt werden, sind für angelsächsische Augen ein Graus. Dabei stehen in den meisten Grafikanwendungen (die eh zu 90% von den Amis stammen) sehr gute Trennfunktionen zur Verfügung (wenn man sie findet und installiert). Trennungen nachträglich mühsam und manuell in den PDFs einzutragen macht uns keinen Spaß. Und kostet viel Geld. Übrigens: Wir trennen nicht einfach nach Silben. Und teilweise recht merkwürdig (pro-duction aber prod-uct).

Hier ein guter Link für Trennungen: http://www.merriam-webster.com/

We are no angels either 
Mir ist auch klar, dass wir Übersetzer die Grafiker genauso oft in den Wahnsinn treiben können – zum Beispiel mit englischen Überschriften, die drei Mal so lang wie das Original sind, und daher nie und nimmer in das Layout passen. Oder dadurch, dass wir die Textelemente nicht klar zuordnen – und der arme Grafiker sich verzweifelt fragt, wo die Übersetzung nun hingehört.

Habe ich was gegen Grafiker? Nein, gar nicht. Ich hätte mir vorstellen können, selbst Grafiker zu werden. Aber es fehlen oft an dieser wichtigen Schnittstelle die Kommunikation und das Mitdenken (ein wunderbarer deutscher Begriff, für den es keine adäquate Übersetzung gibt).

Lucky me 
Wir haben sogar öfter mal das Glück erfahren, mit Grafikern Schulter an Schulter, Tisch an Tisch, Mac an PC zusammenzuarbeiten (zum Beispiel bei der Erstellung eines Newsletters auf einer Konferenz in Prag – was auf Englisch Prague heißt). Da kann man sich direkt austauschen und sich ergänzen. Das ist ideal.

Aber ansonsten? Ich kenn doch meine Pappenheimer - auch eine deutsche Redewendung, die ich liebe.