Mittwoch, 1. Juni 2016

Grafiker und Übersetzer


[Hinweis: Das ist eine leicht überarbeitete Version eines Beitrags aus dem Jahr 2010, den ich aus aktuellem Anlass “wiederentdeckt” habe!]

Übersetzer und Grafiker arbeiten in denselben Sphären des Marketings und der Werbung – aber doch oft irgendwie aneinander vorbei. Der eine schreibt die Texte, der andere setzt sie. Der eine denkt an die Worte, der andere denkt an die Bilder. Der eine beherzigt die englischen Gepflogenheiten in der Welt des gedruckten Wortes, der andere hat die deutschen Layout- und Trennungsregeln im Kopf.

Die sechs häufigsten Reibungspunkte:

Gar keine Korrektur des gesetzten Textes. Das Lektorat kann alle Beteiligten vor peinlichen Flüchtigkeitsfehlern schützen. Trotzdem wird diese Überprüfung oft (aus)gespart. Warum? Keine Zeit, keine Lust, kein Gespür für die Notwendigkeit. Und das, obwohl es kaum eine Broschüre oder Anzeige gibt, bei der wir keinen hässlichen Hammer-Horror finden.
Denn: Twixt cup and lip is many a slip.

Anführungszeichen. Sowas Banales? Ja. Denn sie werden bei uns IMMER oben gesetzt. NIE unten. Und das dicke Ende ist vorne unten und hinten oben (wir sagen “66 and 99” dazu). Die deutsche Version ist für uns genau so fremd und befremdlich wie für euch das auf-den-Kopf-gestellte und nach-vorne-gesetzte Fragezeichen der Spanier. Germanische Anführungszeichen sind jedoch regelmäßig bei übersetzten Hochglanzbroschüren und Websites zu finden. Der Übersetzer kann wenig dafür. Übrigens: Auch Apostrophe sind bei uns anders.



So sehen Anführungszeichen aus - auf Englisch


Kommas statt Punkten und umgekehrt. Wenn die deutsche Wirtschaft erfreulicherweise um 1,5 % wächst, so ist das auf Englisch 1.5 % (one point five per cent – oder in den USA – percent). Wenn uns eine Werbeagentur beim Pleitegehen (passiert erstaunlich oft) um 3.000 EUR bringt, so sind das 3,000 euros (mit Komma und klein E bei euros) die uns durch die Lappen gehen. Da werden wir Übersetzer häufig von Grafikern „korrigiert“ - da stellen wir fest: Gut ist das Gegenteil von gut gemeint.

Headlines. Fließtext (body copy) wird meist reinkopiert. Da geht nicht viel schief. Headlines kopieren? Das kann man oder frau ja schnell reintippen. Und dabei passieren die dollsten Dinge. Auf einmal steht To Crap It All und nicht wie bei uns To Cap It All. Das ist wirklich merde. Deswegen achte ich beim Lektorat akribisch auf die Überschriften (die man sonst bei der Überprüfung eher vernachlässigt – man ist irgendwie auf den Fließtext fixiert).


Apostroph-Katastroph


Fein(d)justiering der Schrubbwüste.  Wir sind öfter bei der Schreibweise vurbusssart worden. Aus Lisbon ist dann Lissabon geworden, aus Resources werden dann Ressources, und besonders beliebt: an SAP solution entpuppt sich plötzlich als a SAP solution. Denn viele Grafiker verbessern freundlicherweise unsere “orthografischen Fehler”. An dieser Stelle: Dank jou.


So ist es richtig!!!




Trennungen. Nicht so wichtig? Naja. Englische Texte, die stringent nach deutschen Regeln getrennt werden, sind für angelsächsische Augen ein Graus. Dabei stehen in den meisten Grafikanwendungen (die eh zu 90% von den Amis stammen) sehr gute Trennfunktionen zur Verfügung (wenn man sie findet und installiert). Trennungen nachträglich mühsam und manuell in den PDFs einzutragen macht uns keinen Spaß. Und kostet viel Geld. Übrigens: Wir trennen nicht einfach nach Silben. Und teilweise recht merkwürdig (pro-duction aber prod-uct).

Hier ein guter Link für Trennungen: http://www.merriam-webster.com/

We are no angels either 
Mir ist auch klar, dass wir Übersetzer die Grafiker genauso oft in den Wahnsinn treiben können – zum Beispiel mit englischen Überschriften, die drei Mal so lang wie das Original sind, und daher nie und nimmer in das Layout passen. Oder dadurch, dass wir die Textelemente nicht klar zuordnen – und der arme Grafiker sich verzweifelt fragt, wo die Übersetzung nun hingehört.

Habe ich was gegen Grafiker? Nein, gar nicht. Ich hätte mir vorstellen können, selbst Grafiker zu werden. Aber es fehlen oft an dieser wichtigen Schnittstelle die Kommunikation und das Mitdenken (ein wunderbarer deutscher Begriff, für den es keine adäquate Übersetzung gibt).

Lucky me 
Wir haben sogar öfter mal das Glück erfahren, mit Grafikern Schulter an Schulter, Tisch an Tisch, Mac an PC zusammenzuarbeiten (zum Beispiel bei der Erstellung eines Newsletters auf einer Konferenz in Prag – was auf Englisch Prague heißt). Da kann man sich direkt austauschen und sich ergänzen. Das ist ideal.

Aber ansonsten? Ich kenn doch meine Pappenheimer - auch eine deutsche Redewendung, die ich liebe.

Kommentare:

Librarian hat gesagt…

Auauau, ja, fette Fehler und richtig peinliches Zeug kommen dabei 'raus, wenn man an der Qualitätssicherung spart... Das hat aber vielleicht auch damit zu tun, dass es vielen Leuten schon bei ihren eigenen Texten im Privat- und Berufsleben immer "egaler" wird, wenn Fehler drin sind. "Wieso, man versteht doch, was gemeint ist," höre ich immer wieder. Man hudelt so dahin, schnell-schnell, klickt auf "Senden", und weg ist das Dokument voller Fehler. Egal, soll sich doch der Leser damit rumplagen. "Wer Fehler findet, darf sie behalten" - hast Du bestimmt auch schon gelesen, und es ist genau diese Einstellung, die ich nicht mag und die sich dann leider auch durchzieht, wenn es an professionelle Texte geht.

Was Du unter dem einen Foto als Apostrophe bezeichnet hast, sind für mich Anführungszeichen. Ein Apostroph ist für mich nicht ", sondern ' (also nur ein Strichle). Oder?

Schön, dass es manchmal trotzdem noch zu einer echten Zusammenarbeit zwischen Grafikern und Übersetzern kommt! Wenn nur mehr Leute die Wichtigkeit solcher Abstimmungen einsehen würden...

MCSquared hat gesagt…

Hast natürlich recht - habe es nicht lektorieren lassen ;-) Ich korrigiere es aber...

Brit Berlin hat gesagt…

Klasse Beitrag! Sowas von auf den Punkt gebracht, und lustig obendrein! Danke. Ich bin immer wieder dankbar, das viele meiner Kunden diesen Schritt nicht aussparen, auch wenn ich dann doch im PDF kleine Zettelchen kleben muss...

Sally Loren hat gesagt…

In dieser Hinsicht bin ich auch leidgeprüft. Bevor die Grafiker mit dem Layouten beginnen, sage ich jedes Mal „Bitte die Sprache komplett auf Englisch UK umstellen“. Ich weiß, dass es in InDesign und Co. geht. Und trotzdem bekomme ich zu fast 60% der Zeit Texte zurück, die nicht so formatiert werden. Das Ergebnis: unsinnige Worttrennungen wie the-se. So wird ein englischer Text teilweise wirklich unlesbar und man arbeitet für die Tonne. Ein Tipp übrigens: ein erfahrener Grafiker hat mir empfohlen, Texte, die gelayoutet werden sollen, in Times New Roman zu liefern. Die Wahrscheinlichkeit, dass Apostrophen und Co. richtig dargestellt werden, sei viel größer. Auch da machen Grafik-Programme von sich aus viel Unsinn.